Ein Jahr an der Grenze

Neue Impulse für die deutsch-tschechische Zusammenarbeit

Unscheinbar aber immer beliebter: das Deutsch-tschechische Café in Zöblitz lädt ein

BLOG Nr. 16

Das Pfarrhaus in Zöblitz, einem der 14 Ortsteile von Marienberg (Mittleres Erzgebirge), ist von außen eher unscheinbar. Kaum jemand weiß, dass es sich einmal im Monat in einen grenzüberschreitenden Begegnungsort verwandelt. An einem vorneweg festgelegten Samstag treffen sich nun immer mehr Leute aus dem Grenzgebiet in einem sogenannten Deutsch-tschechischen Café, um zwei schöne Vormittagsstunden miteinander zu verbringen. Dabei geht es weniger um Sprachkenntnisse, vielmehr ist es wichtig, Interesse für das Nachbarland und deren Kultur mitzubringen.

Dolmetscher gibt es schließlich genug – Wolfram alias Bohumil Rohloff, ein vielseitig interessierter evangelischer Pfarrer, der den damals noch ‚Tschechischen Kreis‘ gegründet hat, freut sich über jede Gelegenheit, die Sprache des Nachbarn zu üben. Tschechisch hat er sich – wie viele andere Fremdsprachen – selbst beigebracht, und ist vielen tschechischen Cafégästen ein Vorbild. Fehler machen ist nicht schlimm, so lange man geduldige und interessierte Zuhörer hat – und das ist in dieser Runde der Fall. Wer möchte, kann sich zum gemeinsam im Vorfeld ausgewählten Thema zu Hause vorbereiten – die meisten jedoch, machen spontan mit und freuen sich mittlerweile auch auf das ‚Kaffeetrinken‘, denn es finden sich immer fleißige Hände, die ihre kulinarischen Künste zum besten geben möchten.


Über die WhatsApp-Gruppe, die zum Deutsch-tschechischen Café gegründet wurde, kann man gemeinsam über die nächsten Termine des Cafés abstimmen, aber auch die eine oder andere interessante Veranstaltung im Grenzgebiet bewerben. Wie man zum Glauben und der Kirche steht, spielt dabei keine Rolle – miteinander ins Gespräch zu kommen ist das, was zählt. Und es wäre nicht nur dem Erzgebirge zu wünschen, dass sich neue Cafégäste und Nachahmer fänden… 

Marta Schreiter

„Ein Jahr an der Grenze“ geht in die nächste Runde, jetzt bewerben!

Die deutsch-tschechische Grenzregion ist in den letzten zwei Jahren etwas lebendiger geworden als zuvor. Dank der Enthusiasten in unserem Programm „Ein Jahr an der Grenze“ haben dort Dutzende neuer deutsch-tschechischer Veranstaltungen stattgefunden. Unsere Macher haben uns gezeigt, dass das Potenzial der deutsch-tschechischen Grenzregion keine Grenzen kennt und es an neuen deutsch-tschechischen Geschichten nicht mangelt!

Liegt Ihnen die lebendige deutsch-tschechische Grenze am Herzen, wollen Sie die Menschen in Ihrer Umgebung verbinden und inspirieren und haben Sie Lust, sich ein Jahr lang voll darauf einzulassen? Jetzt haben Sie die einmalige Gelegenheit dazu! Wir starten nämlich den dritten Jahrgang unseres Programms „Ein Jahr an der Grenze“.

Mit diesem Programm möchte der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds auch weiterhin aktiv dazu beitragen, dass die Grenze zwischen beiden Ländern nicht als Barriere wahrgenommen wird, sondern als Raum, in dem sich neue Perspektiven, Möglichkeiten der Zusammenarbeit, Begegnungen und sogar Freundschaften eröffnen. Denjenigen, die gerne grenzüberschreitend aktiv sein möchten, dies aber bisher aus unterschiedlichsten Gründen nicht getan haben oder nicht tun konnten, möchten wir eine helfende Hand reichen und Inspiration bieten! Dafür suchen wir wieder motivierte, zweisprachige Enthusiasten aus der Grenzregion, die in den deutsch-tschechischen Grenzregionen unterwegs sind und dort durch persönliche Ideen- und Kontaktvermittlung sowie Beratung vor Ort zur Stärkung des deutsch-tschechischen Miteinanders beitragen.

Zur Mitwirkung an diesem Programm suchen wir

Enthusiasten und Macher (w/m/d)

aus der deutsch-tschechischen Grenzregion.

Dauer des Programms: Mai 2024 – April 2025

20 Stunden / Woche

Ziele des Programms:

  • Entdecken, Nutzen und Vertiefen der Potenziale für Begegnungen, Zusammenarbeit und Partnerschaft in der Grenzregion
  • Ansprechen und Zusammenbringen neuer Akteure aus Zivilgesellschaft, Vereinen, Gemeinden und Kirchen von beiden Seiten der Grenze
  • Inspirieren und Ermutigen zu neuen Wegen und Formaten der Begegnung
  • Unterstützen von gemeinsamen grenznahen Treffen und Projektvorhaben

Worauf Sie sich freuen können:

  • eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit mit Raum für Kreativität und Weiterentwicklung 
  • eigene Aktivitäten im Umfang 20h/Woche, Dauer 12 Monate
  • angemessene Bezahlung
  • interessante und inspirierende deutsch-tschechische Begegnungen 
  • Mentoring und regelmäßige Evaluation 
  • Übernahme von Telefon- und Fahrtkosten

Was Sie mitbringen sollten:

  • Enthusiasmus, Neugier und Lust, Menschen im Grenzgebiet zusammenzubringen
  • Interesse an deutsch-tschechischen Themen
  • Überblick über interessante (zivilgesellschaftliche) Aktivitäten im Grenzgebiet und gute Vernetzung
  • Eigeninitiative und Flexibilität
  • aktive Sprachkenntnisse CZ/DE (Muttersprache / Fremdsprache mindestens B2)
  • sehr gute Kommunikationsfähigkeit und offenes Auftreten
  • Wohnort in der deutsch-tschechischen Grenzregion
  • Führerschein Klasse B, eigener PKW sowie Bereitschaft zum Reisen

Wir freuen uns über alle Bewerberinnen und Bewerber, die sich mit Enthusiasmus und Neugier für eine lebendige deutsch-tschechische Grenzregion engagieren möchten. Vorerfahrungen in der deutsch-tschechischen Projekttätigkeit keine Bedingung.

Im Rahmen des Programms „Ein Jahr an der Grenze“ werden Sie nicht selbst Projektaktivitäten durchführen, sondern interessierte Akteure von beiden Seiten der Grenze inspirieren, zusammenbringen und bei gemeinsamen Aktivitäten unterstützen. Bitte legen Sie Ihren Bewerbungsunterlagen eine Skizze bei (max. 2 Seiten), in der Sie an zwei Beispielen beschreiben, wie Sie die potentiellen Akteure ausfindig machen und ansprechen würden.

Bitte schicken Sie alle erforderlichen Bewerbungsunterlagen (Motivationsschreiben, Skizze, Lebenslauf, Nachweis der Sprachkenntnisse) per Email bis zum 10.3.2024 an Frau Helena Vaňková (helena.vankova@fb.cz), die auch Ihre eventuellen Fragen gern beantwortet:

Kontakt:

Helena Vaňková

helena.vankova@fb.cz

+420 283 850 512

+420 605 028 151 (mobil)

Schachlesung und Schachspiele in der Bibliothek oder umgekehrt?

BLOG Nr. 15

Ende Januar und Anfang Februar ist es mir gelungen, ganz unterschiedliche Akteure der regionalen Kultur miteinander in der Grenzregion zu vernetzen. Ich kann mich wirklich nicht darüber beklagen, dass mein Leben während des Programms „Ein Jahr an der Grenze“ nicht abwechslungsreich war und dass ich nicht ständig neue Dinge gelernt habe – zum Beispiel, wie man Schachregeln richtig interpretiert oder wie man eine Schachpartie idealerweise eröffnet. Aber dazu gleich mehr…

Ich freue mich sehr, dass wir zusammen mit der Leiterin der Bildungsabteilung der Stadtbibliothek in Děčín, Frau Miroslava Nedvědová, in die Stadtbibliothek im benachbarten Pirna eingeladen wurden. Die beiden Städte verbindet nicht nur die immer größer werdende Elbe im Norden, sondern auch aktive Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich für einen deutsch-tschechischen Austausch stark machen. Frau Viola Marzahn empfing uns zusammen mit ihrem Vorgesetzten, Herrn Schreiber, dem Leiter der Kultur und Tourismus GmbH, zu dem die Stadtbibliothek gehört. Wir wurden durch das sehr kunstvoll restaurierte historische Haus geführt, in dem die Bibliothek untergebracht ist, und zwar buchstäblich vom Keller, in dem angeblich manchmal das Leben im Mittelalter nachgespielt wird, bis zum Dachgeschoss, wo sich die Kinderabteilung für die jüngsten Leser befindet. Neben den Büchern bietet der gemütliche Raum auch alle anderen Medien, in denen Literatur heute verfügbar ist, aber auch in Form von Filmen, Musik oder Computerspielen, sowie eine Bibliothek der Dinge, in der man sich spielerische Hilfsmittel zur weiteren Vermittlung des geschriebenen Wortes ausleihen kann.

Unter anderem bewunderten wir mit Frau Nedvědová die moderne Selbstbedienungswand für die Rückgabe von Leihgaben, die jetzt in Pirna im Foyer steht.

Im festlichen gotischen Saal im Erdgeschoss stellten wir bei Kaffee und traditioneller sächsischer Eierschecke das Konzept und die Aktivitäten beider Bibliotheken im Bereich der Bildungskurse und Kulturveranstaltungen vor und diskutierten die Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit. Es stellte sich heraus, dass die beiden Bibliotheken in ihren jeweiligen Gemeinden leicht unterschiedliche Funktionen haben. Die Bibliothek in Pirna ist in erster Linie eine klassische Bibliothek, während die Bibliothek in Děčín, auch durch ihre Geschichte der Zusammenlegung mit dem Kulturzentrum, eine reine Kultur- und Gemeindezentrumsfunktion hat., Wir fanden aber ein gemeinsames Thema, mit dem wir beginnen konnten, nämlich eine literarische Lesung des Schriftstellers Mark Toman und seines Comic-Buches „Vertriebene Kinder“, das sowohl für Schulkinder als auch für ältere Kinder und Erwachsene geeignet ist. Zufälligerweise wird das Thema der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg auch in der Ausstellung behandelt, die derzeit im Stadtmuseum Pirna vorbereitet wird, das direkt neben der Bibliothek liegt. Wenn alles gut geht, werden also dank der Zusammenarbeit der beiden Bibliotheken und des Museums die jetzige Bevölkerung und die Besucher von Pirna die Lebensgeschichten der vertriebenen Deutschen gleich aus mehreren Perspektiven erleben können, nicht nur aus der Kinderperspektive, auch wenn diese für viele neu sein dürfte.

Noch vor der eigentlichen deutsch-tschechischen Lesung, die im Mai dieses Jahres für einen Tag in Děčín und am Folgetag in Pirna stattfinden soll, was ein sinnvoller Schritt ist, um ein interessantes Programm auf beiden Seiten der Grenze zu teilen, ist nun der nächste Schritt der Gegenbesuch von Frau Marzahn und ihren Kollegen in Děčín.

Und in derselben Woche, in der ich in die Tätigkeit der Bibliotheken an der Elbe eingedrungen bin, fand ich mich nur wenige Tage später frühmorgens im nebligen Varnsdorf im Schluckenauer Vorland im Gebäude der ehemaligen Textilschule von 1882 wieder, die heute ebenfalls die Bibliothek, aber auch das Haus der Kinder und Jugendlichen beherbergt. Und dort versammelten sich schon um 8 Uhr morgens junge Schachspieler und ihre Eltern oder Großeltern in Autos mit deutschen Kennzeichen.

Zusammen mit dem TJ Slovan Varnsdorf luden wir unsere Kollegen vom SC 1994 Oberland e. V. aus Leutersdorf zu ihrem halbjährlichen Turnier ein und wir waren angenehm überrascht, dass die deutsche Gruppe recht groß war, obwohl gerade in Sachsen gar keine Ferien waren. Aber den deutschen Kindern hat das Turnier wohl umso mehr Spaß gemacht und sie belegten auch die ersten Plätze in der Kategorie der jüngeren Schüler.

Der Vorteil des Schachspiels ist, dass sich die Spieler immer ohne Worte verständigen und die Regeln international sind, so dass ein Tscheche und ein Deutscher, auch wenn sie sich direkt gegenüber sitzen, nicht in einer Fremdsprache kommunizieren müssen. Gleichzeitig gab es aber auch einen kleinen Sprachaustausch, vor allem, wenn die Schiedsrichter in strittigen Momenten hinzugezogen wurden oder in den Pausen zwischen den Runden, in denen sie einen Imbiss zu sich nahmen, gemeinsam übten und andere Gelegenheiten zum gemeinsamen Spiel planten. Der Trainer der Varnsdorfer Schachspieler, Herr Václav Halba, ist sehr aktiv und lebt für das Schachspiel und die Weitergabe seiner Fähigkeiten an die Jugend.

Und es scheint, dass er in Frank-Peter Rößler endlich einen Partner gefunden hat, mit dem er regelmäßig gemeinsame Turniere und Trainingslager organisieren kann. Varnsdorf verfügt über geeignete Räumlichkeiten sowie die Unterstützung des örtlichen Vereins, und Leutersdorf ist offen für weitere Kooperationen und organisiert auch Veranstaltungen wie die Schachwoche Mitte Februar, zu der die tschechischen Kollegen gleich eingeladen wurden. Abgesehen vom Schachspiel ist das offensichtliche Bindeglied jedoch der gemeinsame Sinn für Humor, selbst bei Missverständnissen, die bei der Kommunikation in einfachem Deutsch und Russisch leicht passieren können…

Ob Schachmatt, Patt oder Unentschieden, vor allem ist es eine ermutigende Lektüre für weitere Versuche der grenzüberschreitenden Vernetzung innerhalb des Programms „Ein Jahr an der Grenze“!

VERONIKA KYRIANOVÁ

Wie die Weihnachtskrippe vom Neumarkt über die Grenze kam…

BLOG č. 14

Würden Sie die Krippenfiguren mitnehmen, wenn Sie eine Reise machen würden, von der Sie vielleicht nicht zurückkehren? Die Mutter von Herrn Haidel hat das 1946 während der Vertreibung getan. Sie packte den vierjährigen Horst, seinen älteren Bruder und das Nötigste ein und legte achtzig Figuren aus der selbstgebauten Krippe in eine Kiste unter die Kleidung des Babys im Kinderwagen.

Gott weiß, warum sie diese Entscheidung getroffen hat. Vielleicht erinnerten die Figuren sie an ihren Mann, der noch irgendwo im Ausland weilte und im Jahr 1924, also vor genau einhundert Jahren, die erste gekauft hatte, vielleicht wollte sie die Erinnerung an ein gemeinsames Weihnachtsfest bewahren, das nie wieder „zu Hause“ stattfinden sollte.

Von Úterý/Neumarkt wurde die Familie Haidl in das Sammellager in Chodová Plané transportiert, dann nach Westen nach Wiesau und Tirschenreuth, wo Herr Horst Haidl den Rest seines Lebens verbrachte.

Ich treffe ihn im Museum in Tirschenreuth, wo gerade die jährliche Krippenausstellung läuft. Wir stehen direkt vor denen, die er selbst gebaut hat. Er hat 2005 mit dem Bau der großen Krippe begonnen und ab 2008 nach und nach Szenen hinzugefügt und weitere Figuren gekauft. Die Figuren in Herrn Haidls Krippe heißen „Grulicher Figuren“ und die Krippe selbst „Grulicher Krippe“. „Grulich“ war der deutsche Name für die Stadt Králíky am Fuße des Adlergebirges. Hier begann sich Ende des 18. Jahrhunderts die Krippentradition rasch zu entwickeln, ironischerweise dank des josephinischen Verbots von Krippen in Kirchen. Weil die Menschen nicht an der Krippe in der örtlichen Kirche Andacht halten konnten, holten sie dieses Symbol der christlichen Weihnacht in ihre Häuser hinein. Die Nachfrage nach den Figuren wuchs im 19. Jahrhundert so stark, dass die Herstellung von Krippen zu einem der gebräuchlichsten Handwerksberufe in Králice wurde. Die Figuren überschwemmten nicht nur die lokalen Märkte, sondern wurden auch als so genannte „Grulicher Mannln“ oder auch unter der Bezeichnung „echt Wiener Krippen“ in  ganz Europa verbreitet. Die Tradition endete zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, aber die Figuren sind noch heute auf verschiedenen Internetauktionen und in Antiquitätengeschäften zu finden.

So bekam sie auch Herr Haidl, der heute wohl die größte Sammlung dieser Figuren im Landkreis Tirschenreuth besitzt. Vor dem Hintergrund all der Häuser, Schafe, Musikanten, der Heiligen Drei Könige und der Bergmannskapelle vor seinem Wohnhaus sticht das Bild der Kirche St. Johannes der Täufer am Dienstag hervor. Die Silhouette wurde von seinem Freund Erich Werner aus Chodau/Chodova gemalt.

Und so haben wir ein weiteres Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte geöffnet. Ob wir es nun wollen oder nicht, sie begleitet uns… oder zumindest diejenigen, die ihr zuhören wollen. Wir überschreiten die Grenzen auf beiden Seiten, um sie kennen zu lernen. Die ältere Generation noch mit einem Hauch von Bitterkeit, die jüngere Generation oft mit einem Sinn für und Lust auf Abenteuer.

Kamila Jůzlová

Nachrichten aus dem Norden, oder Herbstwochen an der Grenze

BLOG Nr. 12

Was passiert in diesem Jahr an der deutsch-tschechischen Grenze im Gebiet von Liberec (Reichenberg) und Horní Lužice (Oberlausitz), Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) und dem Elbtal? Es ist eine ganze Menge los! Hier ein ganz kurzer Überblick…

Derzeit bin ich noch voller Eindrücke aus Zittau, wo sich die Leiter und Besucher*innen des Jugendcafés Café X des Deutschen Kinderschutzbundes und die Leiter und Klient*innen der niederschwelligen Einrichtung Wafle der Organisation Rodina v centru aus Nový Bor (Haida) zum ersten Mal trafen. Es war ein sehr freundliches Treffen mit einem gemeinsamen Tischfußball- und Tischtennisspiel, das ohne größere Hindernisse bei der Kommunikation und beim Austausch verlief. Das einzige Hindernis tauchte unerwartet kurz vor dem Treffen auf. Es lag in der leider noch ungewissen Existenz des Cafés für das nächste Jahr, eine völlig neue, unangenehme, wenn auch noch nicht hundertprozentig bestätigte Nachricht, die keine der Gruppen vor dem Treffenstermin kannte. Das Treffen fand dennoch in einer erwartungsvollen Atmosphäre statt und wir werden die begonnene Partnerschaft auf jeden Fall weiter ausbauen, sei es mit dem Jugendcafé X oder dem Offenen Treff, einem Raum für jüngere Jugendliche und Kinder in derselben Einrichtung. So oder so, ich drücke dem Café X beide Daumen!

Es folgte eine abenteuerliche und unerwartet anstrengende Reise durch die eiskalte Nacht von Zittau über Dresden nach Chemnitz und die Teilnahme am dortigen Deutsch-Tschechischen Regionalforum. Was ich daraus mitgenommen habe, ist u.a. die Bestätigung meiner Meinung, dass jede Grenzgemeinde und jede größere Institution einen ständigen Koordinator*in für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit braucht, der sich langfristig für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit einsetzt, damit gemeinsame Partnerschaften und Projekte nachhaltig sind. Es wurde auch vorgeschlagen, dass dies eine in der Gesetzgebung verankerte Verpflichtung für die Grenzgemeinden sein sollte, zumindest für einen vorübergehenden Zeitraum…

Am nächsten Tag in Chemnitz nutzte ich die Gelegenheit, mit der Plattform Kreativni.uk von Ústí nad Labem die zukünftige Kulturhauptstadt Europas zu besichtigen. Ich dachte an den Slogan „Chemnitz ist weder braun noch grau“, hinter dem sich die gleichnamige Initiative aktiver Bürger*innen verbirgt und die darauf hinweist, dass Chemnitz weder eine Stadt der (Neo)Nazis* oder Nationalist*innen ist, die durch die Farbe Braun symbolisiert werden, noch eine uninteressante graue postsozialistische Stadt mit rückläufiger Industrie. Und ich frage mich, ob so etwas auch Ústí nad Labem anstoßen könnte und ob Ústí in naher Zukunft Kulturhauptstadt Europas werden könnte? Bis jetzt scheint es wie ein Witz, aber paradoxerweise würde es Sinn machen.

Und dann ist da noch der wichtige erneute Besuch in Liberec, wo ich festgestellt habe, dass der Verein Tulipán, der sich auf die Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen konzentriert, mit einem sehr durchdachten und sinnvollen Konzept arbeitet. Seine Mitarbeiter*innen sind bestens vorbereitet und freuen sich auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Jetzt müssen sie nur noch eine Partnerorganisation auf deutscher Seite finden, was bisher in diesem Bereich aufgrund der Arbeitsbelastung der potenziellen Partner ein Problem war. Aber während der Destigmatisierungswoche mit dem Verein Tulipán hatte ich die Ehre, dabei zu helfen, den Weltrekord im massenhaften Zerplatzen von Plastikblasen zu brechen. Diese Blasen sind ein Symbol für die zerbrechliche menschliche Seele und werden ansonsten werden für die Verpackung von Produkten aus geschützten Werkstätten verwendet. Dieser symbolische Akt der Verbindung stimmte mich optimistisch…

Noch am gleichen Abend fand ich mich in einem Paralleluniversum in Liberec wieder, bei einem Weihnachts-Networking bei Lipo.ink, einem Liberecer Inkubator für vielversprechende Start-ups, wo das bereits 10. Treffen vom Verein „Frauen aus dem Norden“ organisiert wurde, der sich auf die Schaffung eines sicheren Raums für unternehmerisch aktive Frauen aus Nordböhmen, ihre Ausbildung und Emanzipation konzentriert. Den Frauen aus dem Norden wird nachgesagt, dass sie rauer, sportlicher und weniger gesellig sind als anderswo, aber der Verein konnte dieses Stereotyp erfolgreich überwinden und hat im vergangenen Jahr auch eine Zusammenarbeit mit der deutschen Initiative „Löbaulebt“ begonnen, die er gerne fortsetzen möchte. Alle bisherigen Teilnehmerinnen würden sich über gleichgesinnte Frauen aus Sachsen bei zukünftigen Treffen freuen.

https://kinderschutzbund-zittau.de/jugendliche/jugendcafe-cafe-x/
https://www.rodinavcentru.cz/sluzby/nzdm-vafle/
https://kinderschutzbund-zittau.de/kinder/offener-treff/
https://euroreg.cz/prvni-cesko-nemecke-regionalni-forum-v-chemnitz/
https://kreativni.uk/
https://wedergraunochbraun.de/
https://www.sdruzenitulipan.cz/
https://www.facebook.com/zenyzeseveru
https://loebaulebt.de/

Anfang November war für mich als Koordinatorin der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ein Durchbruch in Sachen Vertrauen und Motivation, in dem ich an mehreren Veranstaltungen im Rahmen der Tage der tschechischen und deutschen Kultur teilnahm. Ein an sich etabliertes, für mich aber neu entdecktes Festival hat in diesem Jahr durch die Mithilfe der Stadthalle Hraničář in Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) bei der Organisation auf tschechischer Seite und der Ausweitung des Programms auf kleinere Städte (außerhalb Dresdens tut sich immer mehr) einen neuen Atem bekommen zu haben. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mehr Veranstaltungen abseits des Mainstreams zu besuchen, die sich auf communities und Begegnungen konzentrieren. Und obwohl ich anfangs Zweifel hatte, ob ich bei diesen Veranstaltungen nur Akteure treffen würde, die bereits über die Grenze hinweg miteinander verbunden sind, stellte ich fest, dass das Spektrum der „Dienstleistungen“, die wir im Rahmen des Jahres an der Grenze anbieten, nämlich die Kontaktaufnahme mit aktiven Bürgern und Vereinen im Grenzgebiet, die Vermittlung von Kontakten zu gleichgesinnten Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen sowie die Zusammenführung von Personen, die an einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit oder Partnerschaft interessiert sind, hier großen Anklang fand.

So ging ich eines Tages zur Deutschkonversation in den „Deutschklub mit Überraschung!“ in Litoměřice (Leitmeritz), wo nun schon im 7. Jahr das Motto gilt: „Da wir in Leitmeritz sind, sprechen wir natürlich Deutsch – und zwar so, wie es jeder vermag“ und um bei dieser Gelegenheit gemeinsam Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln. Leider war ich auf diesen Umstand nicht ganz vorbereitet und die Leiterin des Clubs, Hana Pavlištová, hätte mich fast nicht reingelassen. 😊 Aber zum Glück sah ich ein bekanntes Gesicht – die Mitorganisatorin des Abends und hartnäckige Organisatorin der Alternativkultur in Litoměřice Renata Vášová –sie sorgte nicht nur dafür, dass ich eingelassen wurde, sondern stellte mich auch gleich ihrer Kollegin Hanka Galiová vor. Hanka Galiová hat die Leitung ihres gemeinnützigen Vereins Kinoklub Ostrov übernommen, der nicht nur das Sommerkino von Litoměřice und den Filmclub betreibt, sondern auch jedes Jahr Ende August das renommierte Filmfestival organisiert. Und Hanka und ich begannen sofort, Pläne für grenzüberschreitende Aktivitäten zu schmieden, und zu uns gesellte sich eine sehr wichtige Person, sozusagen eine Kultfigur, nämlich Lenka Holíková vom Kulturzentrum Řehlovice. Ich traf beide im November bei einer Besichtigung des Sommerkinos auf der hiesigen Střelecký-Insel und der Gotischen Zwillingsgalerie im ältesten Haus in Litoměřice wieder. Es war sofort klar, dass die „Club“-Szene dort den deutschen Partnern, die ihnen zweifelsohne am Herzen liegen, viel zu bieten hat und dass das Networking Spaß machen würde.

Eine ähnliche Veranstaltung wie der Deutschklub, bei der die erwähnte „Überraschung“ eine großartige Verkostung sächsischer Weine aus den Weinbergen der Elbe-Region war (unter der hervorragenden fachlichen Anleitung der „Weinkönigin“, Frau Juliana Kremtz), stellte die deutsch-tschechische DŽEM-Session in Pirna dar. Es ist ein bereits traditioneller Wettbewerb um die beste Marmelade, Konfitüre oder das beste Fruchtpüree im Rhythmus des Jazz, der diesmal von einer Band aus Děčín (Tetschen) dageboten wurde. Abgesehen davon, dass ich wieder überrascht war, wie viele Leute sich mit ihren Kostproben an dem Wettbewerb beteiligten, war ich schon besser vorbereitet als beim letzten Mal. Ich hatte auch genügend Bargeld dabei, um auch eine der besten Marmeladen, natürlich Birne, zu versteigern, denn darin sind sie die Besten in Pirna und konnte damit einen Beitrag zur Initiative Pirna 800 leisten.

Die Initiative hat die Veranstaltung mitorganisiert und sich zum Ziel gesetzt, bis zur 800-Jahr-Feier der Stadt Pirna (wahrscheinlich bis 2033) 800 neue Bäume zu pflanzen. Abgesehen davon, dass ich mich über diese Initiative und die Möglichkeit, einen Beitrag dazu zu leisten, sehr gefreut habe, hat mich auch die Tatsache amüsiert, dass die Stadt Pirna eine Birne oder einen Birnbaum in ihrem Wappen führt, was sicher irgendwie mit der phonetischen Ähnlichkeit der beiden Wörter Pirna – Birne zusammenhängt. Aber ich musste wirklich lachen, als Helge Goldhahn, der Vater der Initiative Pirna 800, mir auf Tschechisch erzählte, dass er einen Teil seines Lebens in Brünn gelebt habe und man ihn nie richtig verstand, wenn er zu erklären versuchte, dass er nicht „aus Brünn“, sondern „aus Pirna“ sei… Und ich weiß jetzt nicht genau, wie das zusammenhängt, aber ich musste an Karel Gott und seinen gleichnamigen Schlager denken, als ich mich dem Restaurant Babička in Pirna näherte –seine Lieder und das gemeinsame deutsch-tschechische Musizieren standen tatsächlich an diesem Abend auf dem Programm. Natürlich werden bei der allgemeinen Heiterkeit auch Kontakte geknüpft, und wir konnten mit der Bildungsleiterin der Stadtbibliothek Děčín, Frau Mirka Nedvědová, die auch die diesjährige DŽEM-Sitzung mitorganisiert hat, ernsthafte Pläne entwickeln, wie wir beim Organisieren der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei deutsch-tschechischen Literaturabenden, Kunstworkshops und Ausstellungen, beim deutsch-tschechischem Theater, Vorträgen über die deutsche Geschichte der nordböhmischen Region, Erfahrungsaustauschen über die Nutzung ehemaliger Industriegebäude und das Funktionieren von Bürgerinitiativen usw. mithelfen könnten. Bibliotheken sind neue Kultur- und Gemeinschaftszentren, und es wäre schade, wenn ihr gegenwärtiger Aufschwung keine Unterstützung finden würde. Es ist zu hoffen, dass zumindest einige der Pläne bis zum Ende des aktuellen Jahrgangs von Ein Jahr an der Grenze verwirklicht werden können.

https://www.tdkt.info/cz/
https://www.knihovnalitomerice.cz/novinky-v-projektech/deutschklub
https://kinoostrov.cz/
https://kcrehlo.cz/cs/
https://pirna800.de/baumspenden
https://www.dcknihovna.cz/

Veronika Kyrianová

Chemnitz oder hin und zurück

BLOG Nr. 11

Ende November und Anfang Dezember findet in Chemnitz unter der Schirmherrschaft des Bundesaußenministeriums das erste deutsch-tschechische Regionalforum statt. Eingeladen sind nicht nur Vertreter verschiedener Institutionen, sondern auch die breite Zivilgesellschaft. Es geht also los.

Für Ein Jahr an der Grenze und für mich selbst. Ziel ist es, Akteure von beiden Seiten der Grenze zusammenzubringen, mit besonderem Augenmerk auf die Probleme und Gelegenheiten der Grenzregionen. Sie sind, wie es in der Pressemitteilung heißt, „die Treffpunkte Europas und eine der Säulen des Zusammenhalts in der Europäischen Union.

Wenn es hier hakt, gerät der Motor der europäischen Integration ins Schleudern.“ Aber bisher läuft alles reibungslos, ich sitze im Morgenzug nach Cheb (Eger), von dort plane ich, in Hof umzusteigen und in viereinhalb Stunden in Chemnitz-Siegmar auszusteigen. Ich trinke Tee und schaue aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Schneelandschaft.
Im Zug nach Hof lese ich Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš, und bald beginnen Realität und Fiktion zu verschmelzen. Winterberg fährt nach Sadová (Sadowa), ich an die Grenze, rohe Felder, Wälder, winterliche Frühnebel. „Die Reisenden nach Aš (Asch) steigen in Hazlov (Haslau) um“, wird plötzlich mit heiserer Stimme gesagt. Wie nach Aš? Ich fahre nach Hof! Ich kehre schnell in die Realität zurück. Der Schaffner erklärt
brüsk, dass die Deutschen keine „Maschinen“ haben und dass sie nicht wissen, wann sie sie haben werden, vielleicht am Nachmittag, vielleicht morgen… „In zwei Stunden fahren wir zurück nach Cheb, gnädige Frau, mehr werde ich Ihnen jetzt nicht sagen“, fügt der Schaffner hinzu. Nun gut. Ich steige an der Haltestelle Aš – Stadt aus. Kein Mensch weit und breit, überall ist es kalt. Die Deutschen geben sich hier keine Mühe mit dem Busersatzverkehr.

Es stellt sich heraus, dass ich der Einzige im Zug nach Deutschland bin. Ich sehe mich erfolglos nach einem Bahnhof um, in dem es wenigstens einen Kaffeeautomaten gibt, aber Aš scheint heute das Ende der Welt zu sein. Das Bahnhofsgebäude im Brüsseler Stil, entworfen vom Architekten Dandy, wie ich später erfahre, wurde Anfang des Jahres abgerissen, weil es für die Strecke überdimensioniert und längst baufällig war. Doch vorher war er lebendig! Der ursprüngliche, großzügige Bahnhof wurde1865 von den Bayerischen Ostbahnen eröffnet, zusammen mit der Strecke von Selb nach Cheb, wo später die Linie hinführte, die den nordwestlichen Außenposten Österreich-Ungarns mit Wien, Pilsen und České Budějovice (Böhmisch Budweis) verband. Vielleicht ein Bus? Wir sind nur noch einen Kilometer von der Grenze entfernt! Nein, erklärt mir der ČSAD-Busfahrer, der gerade zu Mittag isst, dass sein Unternehmen diese Strecke gar nicht bedient.

Mir ist kalt, also suche ich nach einem Café oder einem Ort zum Aufwärmen. Was würde Winterberg tun? Er würde sicher nicht zurückkommen! Ich versuche, mir einen Plan B auszudenken.

So fahre ich mit demselben Schaffner, der immer noch nichts weiß, von Cheb nach Marktredwitz, nach Zwickau und reibungslos nach Chemnitz zurück und denke an den Freiheitszug von 1951, der sich gar nicht um Aš kümmerte und mit der ahnungslosen Mehrheit der Fahrgäste einfach durch den Bahnhof von Aš nach Westdeutschland fuhr.

Die Konferenz ist noch in vollem Gange. Auf dem Podium wechseln sich einflussreiche Persönlichkeiten ab, allgemeine Phrasen über die besten deutsch-tschechischen Beziehungen der letzten Zeit werden gelegentlich von einer konkreten Bemerkung über die Realität der Grenzbeziehungen unterbrochen. Ich taue auf. Es folgen Workshops. Die Themen drehen sich um Pendler, den Arbeitsmarkt und Bahnverbindungen. Natürlich beziehe ich meine morgendliche Geschichte mit ein. Ich interessiere mich außerdem für die Verbindung des IRS (integriertes Rettungssystem) entlang der Grenze zu Bayern, wo das Projekt Babylon seit über einem Jahr in der Region Karlovy Vary (Karlsbad) und in Oberpfalz in Betrieb ist, wo der Krankenwagen, der am nächsten an der Grenze ist, zum Verletzten fährt, unabhängig von der Grenze. Das System kann die erhaltenen Informationen über die Situation in beide Sprachen übersetzen. Das ist großartig. Ich hoffe, dass sich das System auch auf den Rest der Grenzregion ausbreitet.

Am Freitagmittag verabschiede ich mich von Chemnitz. Sorglos steige ich in den Zug, ein weiteres Kapitel von Winterberg. Aber wir warten schon lange in Hof. Mein ungutes Gefühl bestätigt sich. In diesen Tagen über die
Grenze zu kommen, ist fast eine übermenschliche Aufgabe. Der Deutsche behauptet, dass der Tscheche, mit dem er sich diese Strecke teilt, nicht angekommen ist und vertreibt uns aus dem Zug. Weitere Informationen sind nicht zu erhalten. Keiner hat sie. Das Problem liegt jetzt auf der
tschechischen Seite. Revanche? Die DB-Auskunft gibt vor, zum ersten Mal von dem Ausfall zu hören, obwohl ich von einem Mitreisenden erfahre, dass es keinen Mittagszug gab, und empfiehlt den – mir schon bekannten – Umweg über Marktredwitz. Mir ist kalt. Wir warten zwei Stunden lang. Ich
spreche mit Peter, der über die Grenze fährt, um zu arbeiten – seit einem Jahr, von Montag bis Freitag. Er spricht kein Deutsch, aber er sagt, dass er gut verdient. Aber seine deutschen Kollegen bekommen 6 Euro mehr pro Stunde für die gleiche Arbeit. Wenn man sich darüber beschwert, geht
man. Peter beklagt sich nicht, er hat seine Schulden abbezahlt, er und seine Frau sind letztes Jahr zum ersten Mal ans Meer gefahren. Wie lange diese Beziehung halten wird, weiß er nicht.

Die Realität.
Ich steige abends in Planá (Plan) aus und kratze an der gefrorenen Windschutzscheibe des Autos, das mich endlich ins Warme bringt.

Kamila Jůzlová

Maler ohne Grenzen

BLOG Nr. 10

Am Montag, den 23. Oktober 2023, versammelten sich acht Frauen im MuseumsQuartier in Tirschenreuth und dass wegen einem einzigen Mann. Einem Mann, der zwar bereits vor 250 Jahren in Tirschenreuth geboren wurde, dessen Vermächtnis aber immer noch lebendig ist, und das nicht nur auf der deutschen Seite der Grenze.

Maurus Fuchs (1771-1848) ist der Autor zahlreicher Kirchengemälde und Fresken in der Region Tachov und in der Oberpfalz. Er war ein Maler, der sich in seiner Zeit ganz selbstverständlich zwischen den beiden Regionen bewegte und sogar seine größten Werke in Böhmen schuf (Kloster Teplá und Tachov).

Fuchs ist dadurch das Bindeglied zwischen unserer künftigen tschechisch-deutschen Kooperation der Hroznat-Akademie des Klosters Teplá und dem Museum in Tirschenreuth. Bei den Treffen wird nun ein Programm entwickelt, um Schulen oder Senioren ein Programm über diesen bedeutenden heimischen Maler und seine Zeit anzubieten, sein umfangreiches Werk in Teplá spielerisch vorzustellen und seine Papierkrippe kreativ zu präsentieren.

Die Krippe ist heute im MuseumsQuartier zu sehen. Sie ist nach 1830 entstanden, wurde aber erst in den 1970er Jahren in einem Schuhkarton auf dem Dachboden eines Stadthauses wiederentdeckt. Obwohl es nicht signiert ist, ist klar, dass es sich um ein Werk von Fuchs handelt, allein schon deshalb, weil mehrere der Krippenfiguren in identischer Form im Kloster in Teplá abgebildet sind.

Und das ist nur einer der spannenden Momente in dieser Geschichte. Ich hoffe, dass unsere gemischte Gruppe es schaffen wird, die Geschichte rekonstruieren und im nächsten Jahr der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Kamila Jůzlová

Ein Jahr an den Grenzen

BLOG Nr. 9

Dreiländereck ist ein verlockender Ausdruck. Das klingt nach Zusammenkunft, spannenden Geschichten und Perspektivenvielfalt. Das haben auch die Politiker und Tourismusexperten gemerkt und werben für ihre Regionen: 15 solche Stellen gibt es zwischen den deutschen Bundesländern, weitere natürlich an den Außengrenzen der BRD, so im Westen mit Frankreich und Luxemburg bzw. der Schweiz. Wo sich im Osten die Oberlausitz, Schlesien und Böhmen begegnen, im Rayon meiner Projektkollegin Veronika Kyrianová, trafen immer auch Staaten aufeinander: Einst Sachsen, Preußen und Österreich – heute Deutschland, Polen und Tschechien.

„Meine Region“ Oberfranken, das sächsische Vogtland und der Karlsbader Bezirk ist also kein Dreiländereck im staatlichen Sinne mehr. Seit der Wiedervereinigung 1990 „trennt“ Bayern und Sachsen nur eine Landesgrenze. Bemühungen, auf beiden Seiten dieser Linie, das zu ändern, sind zu vernachlässigen. Böhmen, und damit die Staatsgrenze zu Tschechien, läuft nicht an den beiden Bundesländern entlang. Wie ein Keil schiebt sich das „Ascher Ländchen“ zwischen sie. An seiner Spitze, unweit des Städtchens Hranice/Roßbach treffen sie endlich aufeinander. Eine Landschaft, in der ich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und doch atmet sie Geschichte.

Dort stehen noch die einstigen Wachtürme wie Fremdkörper auf den satten Wiesen und erinnern daran, dass hier 40 Jahre lang eine doppelte Systemgrenze aufeinandertraf -zwischen den beiden deutschen Staaten aber auch der Bundesrepublik und der sozialistischen Tschechoslowakei. Wenn die Kinder in Gürth bei Bad Elster beim Spielen zu weit in den Wald liefen, gerieten sie auf Staatsgebiet der ČSSR. Nicht lebensgefährlich wie am „Eisernen Vorhang“, aber Ärger gab es doch, wie sich Zeitzeugen erinnern.

Heute sind diese Grenzen nicht mehr zu spüren. Wer aus dem vogtländischen Oberland (dem sogeannten Musikwinkel – dazu in einem späteren Blog mehr) nach Selb will, fährt selbstverständlich durch Asch. Aus der anderen Richtung – zum Konzert oder zur Kur nach Bad Elster ebenso. Zur Arbeit, zur Einkauf, Abendessen mit Knödeln oder auf Wandertour, der Wechsel zwischen den drei „Ländern“ ist hier alltäglich.

Die Zeitgeschichte – Geschichte, die noch qualmt (B. Tuchman) – hat freilich auch hier ihre Spuren hinterlassen. Den einst staatlich getrennten aber spachlich einheitlichen Raum (gemeint ist Deutschland und Tschechien – im Vogtland spricht man kein Sächsisch) trennt heute eine Sprachgrenze. Und das ist gut so! Es ist Anlass zu Neugier und Staunen, etwa wenn bei Bayrisch-Tschechischen Stammtisch in Cheb auf Tschechisch bestellt wird. Wenn alte deutsche Inschriften mit Hilfe deutscher Enthusiasten entziffert werden. Wenn man „aus deutscher Seite“ mit leichtem Akzent aber in beindruckendem Deutsch im Laden bedient wird. Es ist Gelegenheit und Anregung zum Ausstausch und Zusammentreffen. Es ist mein Job dabei zu helfen und die Geschichten zu erzählen. Deshalb: Später mehr!

Steffen Retzlaff

Neu im Projekt Ein Jahr an der Grenze

BLOG č. 8

Für die deutsch-tschechischen Beziehungen interessiere mich seitdem ich am Gymnasium war. Ein Jahr vor meinem Abitur nahm ich am Projekt Gastschuljahr des EUREGIOs Bayerischer Wald – Böhmerwald – Unterer Inn teil und verbrachte fast ein ganzes Schuljahr am Comenius Gymnasium in Deggendorf. Diese Erfahrung wurde zu einem wichtigen Meilenstein in meinem weiteren beruflichen Leben. Zuerst wurde ich dadurch bei der Studiengangwahl beeinflusst. Die Deutsch-tschechischen Studien, die ich teils an der Karlsuniversität in Prag und teils an der Universität Regensburg absolviert habe, boten mir den Einblick in die deutsch-tschechischen Beziehungen in Theorie und Praxis. Seitdem ist das Thema in meinem Leben ständig präsent.

Bereits während meines Studiums fühlte ich mich von regionalen Projekten und Partnerschaften sehr angesprochen. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich in einer Grenzregion geboren bin und zur Zeit dort auch lebe – in der malerischen Stadt Sušice.

Zahlreiche Einwohner dieser Region sind immer noch von den Geschichten ihrer Vorfahrten über den Zweiten Weltkrieg beeinflusst, genauso wie auf der deutschen Seite das Thema der Vertreibung immer wieder aufgegriffen wird. Deswegen ist es wichtig, die Kontaktknüpfung zwischen Leuten von beiden Seiten der Grenze zu unterstützen, dass sie mögliche Stereotype überwinden und neue Freundschaften schließen können.

mein „Revier“

Und darum genau geht’s im Projekt Ein Jahr an der Grenze, in dem ich seit September dieses Jahres tätig bin. Ich habe vor, teilweise an die Arbeit meiner Vorgänger*Innen anzuknüpfen, und gleichzeitig habe ich viele eigenen Ideen für potenzielle zukünftige Partnerschaften. Vor allem möchte ich meine Zeit und Energie solchen Vereinen und Organisationen widmen, die sich mit Böhmerwald zusammenhängenden Tätigkeiten beschäftigen – z. B. mit traditionellem Handwerk, Ausflügen in die Natur, Skifahren usw. Ich freue mich sehr, dass ich in diesem Projekt mitwirken darf und hoffe, dass ich Vieles beitragen kann. 😊

Daniela Kodýdková

Positive Energie

BLOG č. 7

Es sind schon ein paar Tage vergangen seitdem wir uns – alle vom aktuellen Jahr an der Grenze – getroffen haben, diesmal in den Räumlichkeiten des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag. Es hat sich gezeigt, dass die Macherinnen und Macher bereits einige Höhen und Tiefen hinter sich haben. Als Koordinatorin kann ich diese Momente sehr gut nachvollziehen, im ersten Jahrgang war es ähnlich, da im Sommer viele Leute im Urlaub waren und die Sommermonate immer eine Zeit sind, wo alles nur sehr mühsam vorangeht. Mit dem Septemberanfang hat sich das dann rapide verändert und es läuft jetzt wieder (gut). Wie Steffen sagte: „Manchmal reicht es schon, wenn man über alles reden kann und schon ändert sich die Lage zum Besseren.“

In den letzten Wochen habe ich meine Rolle als Koordinatorin des ganzen Teams aktiv angegangen und habe versucht, alle Macherinnen und Macher zu unterstützen, was mitunter schon anstrengend und kraftraubend ist. Die dafür nötige Energie habe ich mir im deutsch-tschechischen Grenzraum geholt, z.B. wenn ich in den Wäldern und Ortschaften des Böhmerwalds, im Bayerischen Wald und auch Erzgebirge unterwegs war.

Da das Deutsch-Tschechische untrennbar mit meinem Leben verbunden ist, konnte ich auch in der Freizeit mein Zivilengagement nicht einfach zur Seite legen. Bei verschiedenen Begegnungen habe ich meine beruflichen und ehrenamtlichen Erfahrungen und Aktivitäten immer mit einfließen lassen und dabei auch potenzielle Kontakte für die Macherinnen und Macher gesammelt.  Wer weiß, vielleicht entstehen daraus neue Partnerschaften, Austausch oder einfach „nur“ Begegnungen.

Nach Prag bin ich mit einem bangen Gefühl gefahren – wie wird unser Treffen gelingen? Es gibt immer mindestens zwei Perspektiven – entweder man konzentriert sich mehr auf die Probleme im Sommer oder man schaut mit positiver Erwartung auf die Aufgaben der nächsten Wochen.

Als die Macherinnen und Macher dann aber ihre aktuellen Erfolge bei der Kontaktaufnahme der letzten Wochen vorstellten, war wieder eine große Begeisterung und positive Stimmung zu spüren! So viel Energie in einem Raum! Das sind für mich die Momente, wo mir das Herz aufgeht und ich mich wieder davon überzeuge, dass sich die ganze Mühe wirklich lohnt.

Und dies brauche ich auch, gerade jetzt, wo wir die Wahlergebnisse in Deutschland sehen. Die deutsch-tschechische Arbeit ist auch Arbeit im politischen Alltag und wir alle müssen den „Schritt über die Grenze wagen“, damit wir unsere Demokratie und Freiheit bewahren können. Mit diesen Worten hat es die Geschäftsführerin Petra Ernstberger beim Treffen beschreiben. Und das können wir nur mit Offenheit und Engagement schaffen. Und zwar nicht nur die Macherinnen und Macher, sondern alle, die Lust haben sich zu engagieren.

MARTINA eNGELMAIEROVÁ

Gute Laune in Kovářská

BLOG č. 6

Als ich meine Umgebung zum Festival der guten Laune einlud, konnte kaum jemand etwas damit anfagen. Vielleicht war auch das ein Teil des Erfolges – denn es sind diejenigen gekommen, die sich gerne überraschen lassen, offen für Neues sind und vor allem die, die für das Deutsch-Tschechische, das an diesem wunderbaren Wochenende in Kovářská beispielhaft gelebt wurde, vieles übrig haben.

Das erste große Projekt von Klára Mikšíčková kam sehr gut an: zahlreiche Menschen aus Tschechien und Sachsen sind angereist, um Krušnohorský Poutník kennenzulernen – eine ehemalige Fabrik für die Herstellung von Fischkonserven, die Dank Petr und seinem Verein DoKrajin in erstaunlich kurzer Zeit zu einer geräumigen Begegnungsstätte samt Atelier für Mediale Projekte verwandelt wurde.

Während sich die Kinder draußen im Grünen mit Schnitzen von Holzlöffeln oder Gestalten von niedlichen Robotchen ausprobiert haben, konnten ihre Eltern in Ruhe an Workshops teilnehmen, die eines gemeinsam hatten: zur guten Laune und inneren Frieden der Besucher beizutragen – und das in einer herzlichen, freundlichen und entspannten Atmosphäre, die man unter Fremden selten so schnell spürt.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Mögen solche Projekte eine Inspiration für viele sein – das Erzgebirge braucht sie!

Marta schreiter

Mich hat es total erwischt

BLOG č. 5

Als ich im Frühjahr erfuhr, dass ich für das Team der Enthusiasten und Macher/innen im Jahr an der Grenze ausgewählt wurde, konnte ich es erst kaum glauben. Es folgte große Freude, kleinere Bedenken, ob ich das wirklich schaffe, aber vor allem Vorfreude und Neugier auf die neuen Erlebnisse und Erfahrungen.

Ich ahnte schon, dass es Abenteuer werden würde, aber die Wirklichkeit übertraf alle meine Erwartungen. Nachdem ich mich durch die Tabellen und Berichte vom ersten Jahrgang und eine Menge neuer Infos durchgebissen und die anfängliche Befangenheit überwunden hatte, wuchs ich in meine neue Rolle hinein.

Ich zögere jetzt nicht mehr, wie ich mich am Telefon vorstelle, wie ich die erste Mail formulieren soll, das alles läuft schon irgendwie von selbst. Übrigens hat es sich als beste Art und Weise neue Kontakte anzuknüpfen bewährt, zum Telefon zu greifen und ein kurzes informelles Gespräch zu führen. Da merkt man meist in kürzester Zeit, woran man ist, kann auf den Kommunikationspartner reagieren, Fragen stellen und auch beantworten, manchmal auch ein bisschen Witze machen. Kurz gesagt, ich finde praktischer als umschweifiges E-Mail-Formulieren. Auch wenn sich so ein erstes Telefonat auch schonmal auf eine Dreiviertelstunde ausdehnen kann.

Manchmal stoße ich natürlich auch auf weniger enthusiastische Reaktionen. „Wir haben andere Sorgen (in der Gemeinde, in der Abteilung, im Verein), hier gibt es keine engagierten Menschen, niemand spricht Deutsch, wir kommen gar nicht hinterher, ich bin allein für alles da, mir fehlen die Mitstreiter …“ u.ä. Manchmal sind die Gründe verständlich, manchmal weniger. Damit muss man rechnen, wirklich schade ist daran die Tatsache, dass irgendwo auf der anderen Seite der Grenze jemand Motiviertes darauf wartet, dass ich den richtigen Partner für ihn finde.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind mir eine Herzenssache und ich bin überzeugt, dass es gerade BEZIEHUNGEN und FREUNDSCHAFTEN sind, worum es uns im Jahr an der Grenze vor allem geht. Deshalb bin ich auch wenig begeistert von einigen scheinmotivierten Leuten, bei deren Interesse an der grenzübergreifenden Zusammenarbeit es mehr um Selbstdarstellung oder das Einwerben finanzieller Mittel zu gehen scheint als um Freundschaft.

Umso wunderbarer ist dann das Gefühl mit Leuten zu sprechen und sich zu treffen, die wirklich begeistert sind. Und von denen gibt es ganz schön viele.

Letzte Woche hatte ich die Möglichkeit gleich drei solche Menschen auf einmal zu treffen. In der schönen Umgebung des Berghof Gibacht war ich mit dem energischen Journalisten Karl Reitmeier verabredet, der bei keiner gesellschaftlichen oder kulturellen Begebenheit in der Region auf beiden Seiten der Grenze fehlen darf, der alle kennt und den alle kennen und der sich schon seit der Revolution in wesentlich für die Verbesserung der deutsch-tschechischen Beziehungen einsetzt. Kurz gesagt, wenn Sie wissen wollen, was in der Umgebung von Domážlice Interessantes los ist, fragen Sie Karl!

Er wollte gemeinsam mit Josef Altmann nach Gibacht kommen, seinem Freund und Kollege aus dem Verein Gäste- und Kulturführer Bayerwald e.V. Der hat in den vergangenen knapp 30 Jahren hunderte von Wander-Ausflügen, Erkundungsgängen und Fahrradtouren im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet organisiert und sich sehr um die Zusammenarbeit zwischen seinem Heimatort Eschlkam und den nahegelegenen tschechischen Gemeinden Kdyně und Všeruby verdient gemacht.

Für mich unerwartet kam zu dem Treffen mit Karl und Josef sozusagen als dritter Musketier auch noch Herbert Pöhnl dazu, Fotograf aus Viechtach. Das war eine schöne Überraschung, weil ich Herrn Pöhnl schon von früher her ein bisschen kenne und mir sein Projekt Begegnungen – Setkávání sehr gefällt, in dessen Rahmen er versucht, das Leben der Menschen im Grenzgebiet künstlerisch einzufangen und das Interesse der Deutschen an der Tschechischen Republik fördern.

Diese drei Herren sprühen trotz ihres fortgeschritteneren Alters nur so vor Energie, Optimismus, Ideen und Lust zu grenzübergreifenden Aktivitäten. Ich denke, dass sie damit vielen jüngeren Leute ein Vorbild sein können.

Einfach nur völlig großartige Menschen!

Ich empfinde große Dankbarkeit und Freude, dass ich sie kennenlernen durfte. Und freue mich sehr auf alle gemeinsamen Aktivitäten.

Vielleicht bin ich sentimental, aber allein heute war ich gleich zweimal sehr bewegt – zum ersten Mal beim Schauen des Kurzfilms Gemeinsam sind wir stärker“, der das Ergebnis eines Schulprojekts im Rahmen des Themas des Jahres 2023 war. https://www.fondbudoucnosti.cz/projekt-mesice-cervna-2023/

Und zum zweiten Mal als ich die schöne persönliche Widmung von Josef Altmann las, die mir der Autor bei unserem heutigen Treffen in sein Buch „Hinüber und Herüber“ hineingeschrieben hat.

Schon jetzt weiß ich, dass für mich mit dem Ende meines „Jahres an der Grenze“ ganz sicher nicht Schluss ist, es wird eher ein Anfang sein. Das, was mich bis vor kurzem nur interessiert und verlockt hat, umgibt mich plötzlich von allen Seiten. Kurz: Mich hat es total erwischt!

Ludmila Mathauserová

„Die Reise kostet n Tausender, die Rückfahrt zwei, dort war es prima, wir treffen uns in Berlin“

BLOG č. 4

„Za cestu dáš kilo, když se vrátíš dvě, dobře ti tam bylo, sejdeme se v Berlíně“ – „Die Reise kostet n Tausender, die Rückfahrt zwei, dort war es prima, wir treffen uns in Berlin“ … Zur Einführung diesmal mein Lieblingslied von der tschechischen Punkgruppe Garáž, denn in diesem Beitrag soll es darum gehen, wer denn da alles am Freitag den 8.9. und Samstag den 9.9. in Berlin in den Gärten des Präsidentenpalastes zusammengekommen ist.

Und wir waren wirklich viele! Ich brauche wohl zu nicht daran erinnern, dass der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds sein 25. Gründungsjubiläum feiert und dafür eine Einladung zum Bürgerfest des Bundespräsidenten erhalten hatte. Und nicht nur das, er konnte sogar in großem Maße das Programm bestimmen, so dass ein nicht unwesentlicher Teil der Workshops und Stände von Organisationen stammte, die aktiv an der Gestaltung der deutsch-tschechischen Beziehungen mitarbeiten und auf den Haupt- und Nebenbühnen die Crème der tschechischen Kulturszene anzutreffen war. Das gesamte Programm der Feierlichkeiten der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit, mitsamt der Entsendung des Kultur-Zuges, im Detail auf den Web- und Facebook-Seiten des Fonds zu finden.

„Gemeinsam wind wir stärker“ lautete das Hauptmotto der Feierlichkeiten und das war auch der Kernpunkt um den sich viele Überlegungen und Diskussionen drehten, nicht nur im Kontext des Kriegs in der Ukraine. Zur Stärkung der Beziehungen von unten, also auf der „Ebene des normalen zivilen Lebens“, soll auch unser Progaramm Ein Jahr an der Grenze beitragen. Der Kontext zeigte, von welch riesengroßer Bedeutung es eigentlich ist und wie wichtig es ist, im grenznahen Gebiet gute Beziehungen zu pflegen. Ludmila und ich kommen aus Berlin entschieden bestärkt zurück. Es war inspirierend so viele aktive und offene Menschen zu sehen und Teil eines Netztes zu werden, das den gemeinsamen Raum belebt. Hoffentlich hält die Motivation noch lange vor (-:

Kamila Jůzlová

Neue Wege. Level II.

BLOG č. 3

Ein regnerischer Maimorgen. Wir sind auf dem Weg vom deutschen und tschechischen Grenzgebiet mitten hinein ins Zentrum des Geschehens. Prag empfängt uns mit hundert Türmen und hundert Sprachen. Ich habe lange nach der deutschen Sprache Ausschau gehalten. Man fühlt sich irgendwie europäischer, multikultureller, die Tore der Möglichkeiten stehen weit offen, sobald man aus dem Zug steigt. Aber vielleicht ist das auch nur eine Illusion – wir atmen wieder freier. Hier – im Gebiet zwischen zwei Welten, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden und wo wir dennoch so viel miteinander gemeinsam haben!

Wir sind zu sechst und wollen das Verbindende finden und zu entwickeln. Das zweite Jahr des Grenzjahres beginnt.

Das Schlüsselwort, das bei unserem ersten Treffen immer wieder fällt, heißt „neue Wege“.

Wir fragen uns, was sich alles hinter diesem Motto verbergen mag. Auf dem Gebiet der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit ist seit der Wende viel getan worden, es ist schwer, etwas Neues zu finden, etwas, an das andere noch nicht gedacht haben…

Oder etwa doch nicht? Was ist mit der Fahrt des neuen Präsidenten Peter Pavel zum Grenzfest „Wochen der Freundschaft“ in Selb auf einem Motorrad? Was ist mit den Poesiomaten, die im Sudetenland Gedichte an vergessenen Orten vortragen, die nun wieder zum Leben erwachen? Das klingt alles großartig und schön, ist aber eigentlich genauso wichtig wie ein Treffen von Brettspielvereinen oder kleinen Imkern…

Schauen wir also, wohin uns die Wege führen.

Gebahnte Wege, Pfade oder auch Wege in den Himmel … sie alle werden von uns beschritten. Kommen Sie mit!

KAMILA Jůzlová

Butterbrotfest

BLOG č. 2

Hinter dem Berg, der den Namen der heute so gefürchteten Bestie trägt, liegt „Hinter-Berg“ – auf tschechisch heißt der Ort Záhoří. Ein kleines Dorf in Westböhmen, das wie viele andere in der Nachkriegszeit dem Untergang geweiht war. Es erlebte eine Umsiedlungswelle, dann die zweite, die dritte… Záhoří (der alte deutsche Name ist Sahorsch) wurde verlassen und selbst die Kapelle, die über die stillen, schönen Weiden zum Bach Kosí hinunterschaut, war baufällig.

Glücklicherweise wurde vor zwanzig Jahren die Dreifaltigkeitskapelle repariert, unter anderem dank der Unterstützung durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, und dies war auch der Anstoß für die Wiederbelebung des Festes, das untrennbar mit dem Dorf Záhoří verbunden ist – das Butterbrotfest.

Dieses Fest war eine Einladung an die Nachbarn aus dem Städtchen Černošín, die „unter dem Berg“ lebten, sich am ersten Samstag im Juni zur Messe und einem anschließenden Nachbarschaftstreffen in die Kapelle in Záhoří zu begeben. Es gab Getreidekaffee und natürlich auch frisches Brot mit Butter. Das Brot wurde im Brotbackofen des einzigen Hauses gebacken, das heute noch steht.

Der ruhige und nachbarschaftliche Charakter des Festes hält bis heute an. Die „Pilger“ kommen nach Záhoří aus vier Richtungen: aus den Orten Ošelín, Svojšín, Olbramov und Černošín. Auf ihrem Weg kommen sie an der Burg Volfštejn und an den Ruinen der Gaststätte auf der Vlčí hora (dem Wolfsberg) vorbei, wo früher Limonade und Bier aus der örtlichen Brauerei auf dem Burgberg Třebel serviert wurden. Einige bringen auch selbstgebackenes Brot mit.

Auf die zweisprachige deutsch-tschechische Messe folgt in der Regel eine deutsch-tschechische Lesung. Fast immer nehmen Deutsche, darunter entweder ehemalige Bewohner von Záhoří oder deren Nachkommen und Freunde, an den Feierlichkeiten teil. Für sie war es immer ein wichtiger Festtag, wenn sie die „Heimat“ besuchten konnten. Leider ist in diesem Jahr zum ersten Mal seit siebzehn Jahren niemand von der deutschen Seite gekommen. Das entspricht auch dem Trend bei allen Begegnungen mit den Einheimischen in den Grenzdörfern und -städten. Die Kontakte gehen verloren und mit ihnen ein Teil der Geschichte des Ortes. Aber dies ist wohl auch der natürliche Lauf der Dinge. Unsere Aufgabe ist es, diesen Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit zu kartieren und an die nächste Generation weiterzugeben.

KAMILA Jůzlová

Das Jahr verging wie im Flug

BLOG č. 1

Es ist ein Jahr vergangen, seit ich mit dem Programm begonnen habe, und ich möchte kurz zurückblicken auf alles, was passiert ist, und das war nicht wenig!

Heute möchte ich zwei Themen herausgreifen- das erste betrifft die Komenský-Grundschule in Horažďovice, die früher eine Partnerschule auf der bayerischen Seite hatte. Der Kontakt ist abgebrochen, vielleicht wegen der Covid-Pandemie, vielleicht aus anderen Gründen – das werde ich nicht mehr herausfinden können. Tatsache ist, dass es meine Aufgabe war, eine andere Partnerschule zu finden, es war ein langer Weg. Und weil ich auch beim Laufen hartnäckig bin, habe ich mich auf einen Marathon des Suchens und der Kontaktaufnahme eingelassen und erst nach langer Strecke und damit auch langer Zeit ist es mir gelungen, den ersten Kontakt mit der Grundschule Zwiesel herzustellen. Das Beste daran war, dass ich direkt von einem Lehrer angesprochen wurde, den ich schon lange kenne. Diese Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen und siehe da – die erste Partnerschaft für die 4. Klasse der bayerischen Grundschule mit der 5. Klasse der Grundschule aus Hořovice war geboren.

Aber es ging auch darum, eine geeignete Schule für den Austausch in der achten Klasse zu finden. Lange musste ich nicht suchen – die Staatliche Realschule Regen, an der ich im Herbst die Gelegenheit hatte, das Programm „Ein Jahr an der Grenze“ kurz vorzustellen, war sofort zur Kooperation bereit, eine Anfrage reichte. Den Satz des stellvertretenden Direktors, den ich telefonisch erreichte, werde ich nicht vergessen: „Toll, dass Sie angerufen haben! Wir würden gerne eine Partnerschaft mit einer Schule in der Tschechischen Republik eingehen, wir haben Partnerschaften in Österreich, Finnland, Dänemark, aber noch nicht mit der Tschechischen Republik.“ Ich übergab die Kontakte und dann ging alles ganz schnell, die Schulleiterin aus Hořovice besuchte zusammen mit einer sehr aktiven Deutschlehrerin sowohl Zwiesel als auch Regen.

Das Ergebnis sind geplante Begegnungen – ein eintägiger Schüleraustausch mit der Grundschule Zwiesel wird Mitte Juni 2023 stattfinden. Eine Begegnung zwischen Schülern aus Horažďovice und Regen ist für den Herbst 2023 im Böhmerwald geplant, Thema der Austauschbegegnung wird der Schriftsteller Karel Klostermann sein, der eng mit dem Böhmerwald verbunden ist und dessen 100. Todestag in diesem Jahr begangen wird.

Die zweite sehr erfolgreiche Verbindung war die zwischen der Organisatorin des Internationalen Folklorefestivals, das jährlich in Klatovy stattfindet, und der Jugendfolkloregruppe Almrausch aus Regensburg. Die örtliche Jugendgruppe des Folkloreensembles Böhmerwald wird sich mit der deutschen Jugendgruppe Almrausch treffen und gemeinsam auf dem Festival auftreten. Für die Zukunft planen die Gruppen weitere gemeinsame Treffen und Auftritte. Für mich und die Festivalorganisatorin Denisa Valentová ist diese Verbindung ein großer Erfolg und eine Freude zugleich, denn erst nach mehr als 10 Jahren wird ein bayerisches Folkloreensemble auf diesem Festival auftreten, obwohl Bayern sozusagen gleich hinter dem Gartenzaun liegt.

Zusammen mit meiner Kollegin Sara, die für den südlichen Teil des Böhmerwaldes und des Bayerischen Waldes zuständig war, ist es uns gelungen, den Kontakt zu der Organisation „Menschen in Europa” herzustellen, die auch den Internationalen Volksmusiktag in Adlersbach organisiert. Mit unserer sprachlichen Unterstützung ist es uns gelungen, die beiden Organisatorinnen miteinander in Kontakt zu bringen, die auch zugesagt haben, die Kontakte an die örtlichen Folkloregruppen weiterzugeben, sich gegenseitig bei der Werbung für die Festivals zu helfen und so diese Veranstaltungen auf der anderen Seite der Grenze bekannt zu machen. Gleichzeitig werden sie zum gegenseitigen deutsch-tschechischen Austausch beitragen, indem das tschechische Ensemble in Adlersbach gemeinsam mit deutschen Ensembles auftritt und deutsche Ensembles im nächsten Jahr auch in Klatovy vertreten sein werden.

Ich möchte Sie herzlich zu beiden Festen einladen! In Klatovy ist das Fest mit einer örtlichen Wallfahrt verbunden und findet vom 6. bis 9. Juli statt, anschließend findet das Fest in Adlersbach am 10. September statt.

Ich wünsche meinen Kolleginnen und Kollegen vom 2. Jahrgang des „Jahr an der Grenze“, dass sie ihr Engagement genießen und ihren Enthusiasmus nicht verlieren, auch dann nicht, wenn sie Marathonstrecken laufen, bei denen es sowohl Krisen als auch schöne Momente gibt, die eine Menge Endorphine und Energie liefern!

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Martina Engelmaierová

Wenn ein Puzzleteil zum anderen passt

BLOG Nr. 21

Kontakte zu offiziellen Stellen, wie Behörden aufzubauen, ist nicht gerade eine einfache Angelegenheit. Schuld sind oft begrenzte Kapazitäten und unterschiedliche Interessen der Akteure.

Umso mehr hat mich die zeitnahe Antwort und eine Einladung von Frau Urmann, der Bürgermeisterin von Neureichenau, gefreut. Die Bürgermeisterin hat mich nach Neureichenau eingeladen, um sich gemeinsam über die deutsch-tschechische Beziehungen auszutauschen. Sie würde gerne Kontakte nach Tschechien aufbauen, sowohl auf politischer als auch auf kultureller Ebene. Als Partner auf der tschechischen Seite wäre die Stadt Horní Planá gewünscht, da die ehemaligen Bürgermeister bereits in Kontakt waren, dieser jedoch durch die Corona-Pandemie unterbrochen wurde.

Ein paar Wochen später erreichte ich den Bürgermeister von Horní Planá, Herrn Šimák. Er zeigte sich sehr interessiert an der Anfrage und lud mich ein, ihn in Horní Planá zu besuchen. Gemeinsam sprachen wir über deutsch-tschechische Beziehungen und Möglichkeiten, wie man gemeinsam in Kontakt treten könnte.

Eineinhalb Monate später – am 18.4.2023 treffen sich die beiden Bürgermeister und ihre Stellvertreter erstmals in Neureichenau. 

Bei diesem freundschaftlichen Treffen ging es um das erste Kennenlernen, um die Vorstellungen der beiden Gemeinden und um die Suche nach gemeinsamen Anknüpfungspunkten für die Zusammenarbeit. Gemeinsame Themen gibt es viele: Adalbert Stifter (und die Zusammenarbeit der beiden Museen), kulturelle Veranstaltungen, wie die Kulturtage, das Bierfest oder Traktorenrennen, gemeinsame Schritte im Bereich Tourismus und Austausch zu Themen wie Energieversorgung, Schulwesen und Vieles mehr.

Ich durfte beim Treffen die Rolle der Dolmetscherin übernehmen und somit die Sprachbarriere durchbrechen. Ein schönes Beispiel dafür, dass diese Barriere bei einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sehr leicht zu umgehen ist. Entscheidend bei einer Zusammenarbeit ist der Wille, etwas Grenzüberschreitendes zu tun und gegenseitige Sympathien. Das nächste Treffen findet demnächst in Horní Planá statt.

Ich wünsche dieser Zusammenarbeit nur das Beste für die Zukunft und hoffe, dass sie für weitere interessierte Akteure ein schönes Beispiel darstellen wird 😊

Erstes Kennenlernen von Frau Bürgermeisterin Urmann (2.v.l.) mit Herrn Bürgermeister Šimák (1.v.l.) und seinem Stellvertreter Herrn Ščevík (3.v.l.) am 18.4.2023 in Neureichenau.
Sára Špeciánová

Leben (an der Grenze) mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nachhaltig? Es ist möglich, aber wie und wo…

BLOG Nr. 20

Das Engagement in „ein Jahr an der Grenze“ bringt oft unerwartete Herausforderungen mit sich. Neben technischen (z. B. den richtigen Eingang, die richtige Hausnummer oder den Zugang zum Online-Raum zu finden) und zeitlichen Hindernissen (sich kurz vor den Wahlen, vor Weihnachten, nach Weihnachten oder in den Frühjahrsferien zu treffen), gibt es manchmal auch „logistische“ Grenzen. Es überrascht nicht, dass (nachhaltiger) Verkehr und Mobilität auch ein Thema des trinationalen Bürgerdialogs in Dresden im vergangenen Jahr waren.

Denn wenn etwas problemlos funktioniert, neigen wir dazu, es als selbstverständlich hinzunehmen (z.B. eine Verbindung ohne Umstieg, die nicht eine Woche dauert, oder der Transport von Fahrrädern und Kinderwagen, ohne zu befürchten, dass die Verbindung nicht barrierefrei ist). Wir bemerken nur, was für ein Hindernis oder eine Einschränkung es darstellt, wenn der Dienst nicht mehr funktioniert.

Aber nicht überall ist die Situation kritisch, wie wir festgestellt haben. Und so können Sie das ganze Jahr über problemlos zu Freunden oder auf Reisen gehen, zum Beispiel auf den Strecken:

  • Tetschen-Bad Schandau-Sebnitz-Dolní Poustevna-Mikulášovice-Velký Šenov-Rumburk
  • Teplitz-Dubí-Cínovec-Altenberg-Dresden
  • Oberleutensdorf-Berg St. Katherine-Brandov-Olbernhau
  • Komotau-Křimov-Berg St. Sebastian-Reizenhain-Marienberg
  • (Komotau-Křimov-Výsluní-Měděnec-Kovářská-Vejprty-Cranzahl nur von Mai bis September)
  • Kaaden- Klösterle an der Eger-Měděnec-Kovářská-Vejprty-Annaberg
  • Karlsbad-Nejdek-Pernink-Horní Blatná-Potůčky-Johanngeorgenstadt
  • Sokolov-Kraslice-Klingenthal-Zwöta-Muldenberg-Zwickau
  • Eger- Franzensbad-Vojtanov-Aš-Selb-Rehau-Hof
  • Eger -Pomezí nad Ohří-Schirnding-Marktredwitz
  • Eger-Marktredwitz-Pegnitz-Nürnberg
  • Taus-Furth im Wald

Dort lohnt es sich auch, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Schönheit der Landschaft, historische Denkmäler oder die kulinarische Vielfalt der Region zu entdecken.

Dann gibt es aber Orte, wo man bequeme Verbindungen länger suchen würde (Max, Veronika und Veronika haben es für Sie versucht), also aus dem Leben von Jahr an der Grenze:

Gebiet Schluckenau und Lausitz (Max)
Westliches Erzgebirge (Veronika K.)
Chodsko & Oberpfalz (Veronika W.)

Die obigen Ausführungen machen deutlich (und oft weiß die Kartensuchmaschine dies), dass es manchmal am effizientesten ist, einfach zu Fuß zu gehen.

„Keine Route gefunden“.

Aber auch für diese scheinbar ausweglose Situation gibt es eine Lösung. Wir haben uns mindestens drei einfallen lassen:

  1. Entweder man fährt mit dem Fahrrad oder den Langlaufskiern statt mit öffentlichen Verkehrsmitteln 😊.
  2. Ihr trefft euch außerhalb eurer Standorte (einfach „in der Mitte“, wo ihr alle mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt; das erfordert allerdings extrem gute kombinatorische Fähigkeiten! 😊)
  3. Oder man schaut, ob es „zufällig“ eine Verkehrs-App im Nachbarland gibt, die eine Kombination mit lokalen Buslinien anbietet (z.B. Regionalverkehr Erzgebirge GmbH für tschechische Reisende im mittleren und westlichen Erzgebirge oder DÚKapka für deutsche Reisende in der Region Ústí nad Labem).

Meistens gibt es ähnliche Apps und der Fahrgast kann z.B. Regional-/Stadtbuslinien in der App finden. Als Nutzer müssen wir uns jedoch damit rechnen, dass nicht eine App, sondern eine Kombination aus mehreren Apps notwendig ist.

Mit diesem Trick (natürlich am besten noch im Warmen zu Hause auf dem eigenen Handy herausgefunden) dauert die Fahrt von Chomutov nach Zwönitz dann nicht mehr 4 Stunden, sondern nur noch 3 Stunden 😊.

Wir wünschen dem öffentlichen Verkehr in der Region viele glückliche Fahrgäste und den Gemeinden weniger überfüllte Parkplätze!

Max melzer, Veronika Kupková & Veronika Widmann

Jahre an der Grenze

BLOG Nr. 19

Das erste Jahr des Programms „Ein Jahr an der Grenze“ neigt sich dem Ende zu. Für viele von uns, die in der Grenzregion leben, ist es jedoch nur eines von vielen Jahren an der Grenze, das zu Ende geht. Denn wir gehen nicht weg. Wir werden uns weiterhin für gute nachbarschaftliche Beziehungen einsetzen und uns bemühen, das tägliche Leben in unseren Regionen zu verbessern.

Es wärmt mir das Herz, wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und sehe, wie viele verschiedene Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Menschen aus der Tschechischen Republik und Deutschland möglich sind. Schulen, Theater, Fotoclubs, Skateboarder, Pfadfinder, Behindertenwerkstätten, Jugendparlamente… dass Menschen, ob jung oder alt, mit oder ohne Kenntnisse einer zweiten Sprache, eine gemeinsame Basis finden können.

Treffen von Vertretern des Westböhmischen Theaters in Cheb und des Rosenthal-Theaters Selb im Rahmen des ersten Jahres des Programms „Ein Jahr an der Grenze“. Im Foto (v.l.n.r): Iva Freddie Ellrodt, Eliška Huber Malíková (Westböhmisches Theater in Eger, Public Relations), Zdeněk Bartoš (Westböhmisches Theater in Eger, künstlerischer Leiter) und Eva Enders (Rosenthal-Theater Selb, Theaterleiterin)

Die Arbeit der tschechisch-deutschen Enthusiasten endet nie. Es gibt immer etwas zu entdecken, jemanden kennenzulernen, dem man beim ersten Schritt über die Grenze helfen kann. Auch wenn unsere Regionen klein erscheinen mögen, in meinem Fall sogar „das historisch Schlechteste in allem“ (Zitat von Andrej Babiš), haben wir noch lange nicht alle lokalen Möglichkeiten der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit ausgeschöpft.

Deshalb wünsche ich dem zweiten Jahrgang, unseren Nachfolgern, dass es ihnen gelingt, die richtigen Steine ins Rollen zu bringen. Dass sie Möglichkeiten entdecken, an die wir vielleicht noch gar nicht gedacht haben.

Und ich wünsche allen Akteuren – allen Menschen, die während dieser Runde Möglichkeiten für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit gefunden haben – dass sie Freude an der Begegnung, am Kennenlernen haben und dass sie Gelegenheiten finden, langjährige Freundschaften zu schließen. Denn ich glaube, dass Offenheit und Freundschaften zwischen verschiedenen Menschen der Schlüssel zu einem schöneren und erfüllteren Leben sind, nicht nur hier in der Grenzregion.

IVA ELLrodt

Von Weihnachtsstimmung und spannenden Schachduellen

BLOG Nr. 18

Man braucht nicht viel Platz, um deutsche und tschechische Jugendliche zusammenzubringen.

Wenn es eine Sache gibt, die ich als deutsch-tschechischer Enthusiast spätestens mit dem Jahr an der Grenze gelernt habe, dann, dass vor allem Kinder und Jugendliche aus dem ländlichen Grenzgebiet für große interkulturelle Aktivitäten und Projekte in der Regel schwer zu begeistern sind. Ganz anders verhält es sich, vor allem in der Weihnachtszeit, mit einem einfachen, gemütlichen Beisammensein am Nachmittag, wo es zudem noch gutes Essen und Geschenke gibt. So luden Herr Bach, der Leiter des Jugendzentrums Großschönau, und die Kinder seines Jugendtreffs zu ihrer ohnehin für sich selbst geplanten Weihnachtsfeier am 20.12. kurzerhand ein paar neue Freunde aus dem nur vier Kilometer entfernten Varnsdorf vom Jugendhaus dům dětí a mládeže ein.

Großschönau hatte gut für die kulinarische Verpflegung gesorgt und sogar selbst warm gekocht (im Bildhintergrund der Nudeltopf ist schwer zu erkennen).

Da der Jugendtreff in Großschönau aktuell noch in einer kleinen Laden- und Bürofläche sitzt, konnten nicht mehr als fünf Jugendliche sowie ein Betreuer aus Varnsdorf zum Weihnachtstreffen kommen. Die Jugendlichen, die letzten Endes kamen, wurden dafür aber umso herzlicher empfangen. Letztlich wurden für sie sogar zusätzliche Geschenke besorgt und auch die Brötchenteller sowie der leckere warme Gemüsenudeltopf, den Herr Bach für die Teilnehmenden vorbereitet hatte, waren etwas praller gefüllt worden. Nachdem also die tschechischen Jugendlichen angekommen waren und Herr Bach ein paar Willkommensworte an sie gerichtet hatte, wurde zunächst gemeinsam gegessen und nach ein paar Schach- oder auch Fußballduellen an der Konsole wurden Lose verteilt und jeder bekam ein kleines Geschenk des Jugendtreffs zugelost. Trotz des wenigen Platzes haben sich alle sehr wohl gefühlt und es war ein angenehm niedrigschwelliges Treffen. Für eventuelle weitere Begegnungen in den nächsten Jahren ist bezüglich des Platzes aber Besserung in Sicht, da der Jugendtreff in die ehemalige Bahnhofsgaststätte im Großschönauer Bahnhofsgebäude einziehen wird.


Doch wie kam es eigentlich zu dieser schönen Weihnachtsbegegnung? Der Kontakt zu den Großschönauern kam über ein einfaches Telefonat zustande, der Jugendtreffleiter war sofort offen für gemeinsame Aktivitäten mit – wie er so schön selbst von Anfang an sagte – neuen tschechischen Freunden und bot auch gleich selbst an, gerne die eigenen Räumlichkeiten oder auch den Garten für Camps im Sommer oder als Startpunkt für Ausflüge in die Region zur Verfügung zu stellen. Solche Leute sind im Jahr an der Grenze Gold wert, da man so immer gleich mit einem konkreten Angebot auf potenzielle Partner auf der anderen Seite der Grenze zugehen kann.

Partner von der anderen Seite der Grenze sollten entsprechend der Vorstellungen der Großschönauer auch nicht zu weit entfernt sein, sodass man sich auch schnell mal am Nachmittag oder Abend unter der Woche besuchen kann. Somit ging der Blick schon gleich ins benachbarte Varnsdorf, praktisch einen Steinwurf von Großschönau entfernt. Herr Bach hat eine Vorliebe für das Schachspielen und konnte sich erinnern, dass es in Varnsdorf auch einmal eine Jugend-Schach-Abteilung im Sportverein gab, zu denen er vor Jahren auch Kontakt hatte und der mit der Zeit aber verloren ging. So machte ich mich auf die Suche und fand nach kurzer Zeit die „eierlegende Wollmilchsau“: Herrn Halba, der in Varnsdorf sowohl im Jugendhaus arbeitet als auch die Schachabteilung des Sportvereins Slovan Varnsdorf leitet. Letzten Endes stellte sich heraus, dass auch er Herrn Bach noch von vor langer Zeit aus dem regionalen Schachspielbetrieb kannte, aber der Kontakt einfach über ein paar Jahre nicht vorhanden war. Auch er war gleich Feuer und Flamme, sodass er kurzerhand der Einladung des deutschen Jugendtreffs folgte und eine Gruppe schachbegeisterter Jugendlicher mitbrachte, die sowohl im Sportverein als auch im Jugendhaus aktiv sind. So konnte bei der ersten Begegnung der Jugendlichen auch gleich etwas Schach gespielt werden, was sehr gut dabei half, das Eis zu brechen.    

Für solche dankbaren Momente setzt man sich gerne wieder für viele Stunden in Regionalzüge und Dorfbusse zur Vernetzung von Menschen im Grenzgebiet.

Herr Halba und Herr Bach konnten bei dem Treffen auch gleich ein paar gemeinsame Termine und Pläne austauschen. Zum Beispiel bot Herr Bach an, dass immer auch ein paar tschechische Jugendliche (oder auch Ältere) jeden Montag zum Training des örtlichen Schachklubs kommen könnten, in dem er selbst auch aktiv ist. Demnächst könnte es also dazu kommen, dass sich die deutsche und die tschechische Seite öfter zum gemeinsamen Schachspiel treffen und sich so längerfristige Freundschaften über den Sport entwickeln. Aber auch unabhängig vom Schachspiel werden beide Jugendeinrichtungen im Laufe des Jahres die eine oder andere gemeinsame Aktion durchführen. Insgesamt muss ich sagen, dass ich über diese Partnerschaft sehr glücklich bin, da es so ziemlich genau das ist, was im Jahr an der Grenze entstehen soll – Partnerschaften und Bekanntschaften, die sich wirklich in einem Umkreis von wenigen Kilometern abspielen, sodass man sich auch mal spontan kurz am Nachmittag oder Abend besuchen kann und auf kurzem Wege abspricht. Außerdem sind die Ansprechpartner beider Einrichtungen gut in ihren Orten und Gemeinden vernetzt. Wer weiß, vielleicht können in den nächsten Monaten im Jahr an der Grenze also noch weitere solcher schönen und vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten zwischen Großschönau und Varnsdorf entstehen.

Max melzer

Enthusiastinnen auf dem Literaturfestival

BLOG Nr. 17

Diskussion im Rahmen des Literaturfestivals "Šumava-Litera". Das Publikum sitzt an Tischen und blickt auf die Bühne. Václava Jandečková und Martin Sichinger diskutieren.

Wir sind durch den Böhmerwald miteinander verbunden und manchmal kommen wir nicht umhin, mit denselben Personen zu kommunizieren. Wir freuen uns immer, wenn wir uns treffen und unsere Erfahrungen und Eindrücke austauschen können. Deshalb sind wir beide der Einladung zum 8. Jahrgang des Literaturfestivals „Šumava Litera“ gefolgt, das vom 14. bis 19. November 2022 in Vimperk stattfand.

Wir haben beide schon die Akteure des Festivals getroffen – Martina bei einer Autorenlesung in Pilsen und Sara bei einer Vorlesung in Ludwigsthal, Bayern. Am meisten freuten wir uns jedoch auf das Hauptereignis, die Festivalwoche in Vimperk.

Im Rahmen des Festivals werden Bücher ausgezeichnet, die im vergangenen Jahr erschienen sind und einen Bezug zum Böhmerwald haben. Preise werden in den Kategorien „Belletristik und Poesie“, „Beliebte pädagogische Veröffentlichungen“, „Künstlerische Veröffentlichungen“, „Die beste deutschsprachige Publikation zum Böhmerwald“ und „Šumava-Litera-Preis“ für den Beitrag zur deutsch-österreich-tschechischen Zusammenarbeit vergeben. Die Jury entscheidet auch über den Preis in der Kategorie „Preis Böhmerwald virtuell“ und wählt den Autor aus, der in die „Ruhmeshalle“ aufgenommen wird, während die Leserinnen und Leser selbst über den „Böhmerwalder-Echo-Preis“ entscheiden können.

Weitere Informationen zu den einzelnen Preisen und den ausgezeichneten Büchern sind auf der Website von Šumava Litera zu finden.

Das eigentliche Festivalfinale beginnt am Freitagabend mit der Eröffnung der Vernissage und einer spannenden Talkshow mit Václava Jandečková. Wenn Sie noch nichts von der Operation „Kámen“ gehört haben, können wir den Comic, die Theateraufführung oder sogar die Ausstellung an tschechischen und deutschen Schulen empfehlen.

Am Samstag kann man auf dem Festival ab Vormittag verschiedene Ausstellungen und Buchvorstellungen und tagsüber auch den Büchermarkt besuchen. Die Preisverleihung ist dann der Höhepunkt des Galaabends. Und das mit aller Eleganz – eine festlich geschmückte Bühne, ein professioneller Moderator, musikalische Begleitung und das Wichtigste – die Präsentation der Nominierungen und die Preisverleihung. Nach dem offiziellen Teil gibt es eine kleine Erfrischung und einen Raum für gemeinsame Gespräche. Wir sind absolut begeistert, so viele interessante und nette Menschen an einem Ort zu haben! Das Festival hat unsere Erwartungen völlig übertroffen.

Wie man aus dem Festivalprogramm und den begleitenden Veranstaltungen ersehen kann, bemühen sich die Organisatoren um die Einbeziehung deutsch-tschechischer Themen in das Programm und um die Zusammenarbeit mit Vereinen und Organisationen sowohl auf bayerischer als auch auf österreichischer Seite. Und auch hier zeigt sich, dass der Böhmerwald ein Verbindungselement und ein gemeinsames Thema und Interesse für die Menschen auf allen drei Seiten der Grenze ist.

Wenn Sie sich für das Festival interessieren, haben wir gute Nachrichten für Sie! Der nächste Jahrgang findet Mitte November in Vimperk statt, aber die Sommerversion des Festivals wird bereits in Freyung im Rahmen der Bayerischen Landesausstellung stattfinden.

Wenn Sie an dem Festival Interesse haben oder Sie sogar ein interessantes Buch mit einem Böhmerwald-Thema geschrieben haben, würden wir uns freuen, wenn Sie uns oder die Organisatoren des Šumava Litera Festivals direkt kontaktieren würden.

Martina Engelmaierová & Sára Špeciánová

Kunst verbindet Studierende!

BLOG Nr. 16

Es ist großartig, unendlich viele Möglichkeiten zu haben. Während meiner Studienzeit gab es ein Gedränge um die Plätze für Studienreisen und eine begrenzte Anzahl von Stipendien und Reisezielen. Heute können Studenten fast überall hinreisen. Aber sie müssen gar nicht so weit gehen, um neue Dinge zu lernen und ihren Horizont zu erweitern. Auch unsere Nachbarländer bieten bereits unterschiedliche Bildungssysteme, Technologien und Herangehensweisen an. Auch junge Akademiker können mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds für ein oder zwei Semester in Tschechien studieren. Die Anmeldefrist für ein Stipendium im akademischen Jahr 2023/2024 läuft noch, sie endet am 31. Januar 2023.

Diesmal war ich in Schneeberg, der Stadt der Berge. Nach einem angenehmen Telefonat mit einem örtlichen Professor nehme ich seine Einladung an die Fakultät an, gemeinsam mit einigen Studenten aus Liberec. An diesem Tag werden wir von Štěpán begleitet – einem Erasmus-Studenten aus Liberec. Die Fakultät für Angewandte Kunst Schneeberg (Westsächsische Hochschule Zwickau) ist geräumig und übersichtlich, mit nur 100 Studenten. Ob Bachelor oder Master in Design, beide bieten sowohl gemeinsame als auch spezifische Kurse für die Studienrichtungen Modedesign, Textilkunst/Textildesign und Holzbearbeitung/Möbel- und Produktdesign an. Die geringe Teilnehmerzahl sorgt dafür, dass sich die Studierenden untereinander kennen und fachübergreifend vernetzen können. Die Schneeberger Studierenden sind aber auch an grenzüberschreitenden Verbindungen interessiert.

Eine mögliche intensive Verbindung kann mit der Fakultät für Textilien der Universität Liberec TUL (Fachbereich Design) hergestellt werden, die nicht nur Bachelor-Studiengänge mit den Schwerpunkten Textil- und Bekleidungsdesign sowie Textiltechnologie und Musterung anbietet, sondern auch Glas- und Schmuckdesign. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit eines weiterführenden Masterstudiengangs mit den Spezialisierungen Textil, Bekleidung, Glas oder Schmuck.

Sehen Sie die Schnittpunkte? Ja, es können die Kunst und das gemeinsame Gestalten sein, die junge Erwachsene über Grenzen hinweg verbinden. Das Wichtigste ist eine gute Kommunikation. In diesem Fall ist Štěpán eine Art Botschafter. Er hat organisiert, dass seine Freunde aus seinem Atelier in Liberec zu ihrem ersten Treffen nach Schneeberg kamen.

Das gemeinsame Schaffen ist eine große Motivation für Studierende beider Fakultäten. Es bedeutet eine unglaubliche Herausforderung, ihre Erfahrungen und Fähigkeiten in den Bereichen, die sie studieren, miteinander zu verbinden. Der erste Schritt bestand darin, sich zu treffen und über die Möglichkeiten des gemeinsamen Gestaltens zu sprechen. Die Studierenden stehen nun miteinander in Kontakt und haben ein gemeinsames Wochenende im Erzgebirge ins Auge gefasst. Wir drücken ihnen daher die Daumen und freuen uns auf ihre Kunstausstellung, die sie nach dem gemeinsamen Treffen sowohl in Liberec als auch in Schneeberg veranstalten möchten.

Kristýna Šoukalová

Die Kreise schließen sich? Oder öffnen sie sich?

BLOG Nr. 15

Ich engagiere mich seit mehreren Jahren für die deutsch-tschechische Zusammenarbeit und Verständigung. Ich habe einen mehrjährigen Au-pair-Aufenthalt in Deutschland absolviert, an Bildungsprojekten teilgenommen und als Studentin Praktika gemacht.

Als erfolgreiche Absolventin der Tomas Bata Universität in Zlín machte ich mein Pflichtpraktikum damals bei der Tourismusregion Zwickau e.V. Ich möchte das „damals“ betonen, denn es ist fast 10 Jahre her. Während meines Praktikums konnte ich auch die Partnerstadt von Zlín, Limbach-Oberfrohna, unterstützen und das Angebot des Vereins auf der bayerischen Messe Gartenschau Tirschenreuth präsentieren.

Zehn Jahre später nun nehme ich im Rahmen des Programms Ein Jahr an der Grenze eine Einladung der Leiterin Ina Klemm nach Schloss Waldenburg an. Gemeinsam erinnern wir uns und denken über die deutsch-tschechischen Beziehungen nach, über das „typische“ Chemnitz und wie sich diese Stadt entwickelt, denn zufällig wohnt Ina in der Nähe von Chemnitz, so dass wir wieder fast Nachbarinnen sind.

Ihr Enthusiasmus für intensive deutsch-tschechische Zusammenarbeit ist so groß, dass sie für unser zweites Treffen Yvonne Lenk dazu einlädt, die Leiterin des Trägervereins des Europäischen Gymnasiums in Waldenburg. Ich stelle ihr eine grundsätzliche Frage: „Haben Sie eine Partnerschule aus der Tschechischen Republik?“ – „Noch nicht“, bekomme ich als Antwort. Und das ist für mich ein Zeichen, dass ich am richtigen Ort bin. Nun ist alles in Bewegung, und das Waldenburger Gymnasium verbindet sich jetzt mit dem Gymnasium und der Hauptschule in Klášterec nad Ohří.

Es ist „mein Job“, die Akteure beim ersten Schritt zu einer deutsch-tschechischen Partnerschaft zu unterstützen, aber es liegt an ihnen, etwas gemeinsam zu schaffen und zu planen.

Aber zurück zum Schloss. Ina stellt eine neue App vor, die uns durch das gesamte Schloss führt. Ich probiere es selbst. Damit Freunde, Schulen und Senioren aus der Tschechischen Republik hierher kommen, muss Waldenburg natürlich etwas anbiten, und zwar auf Tschechisch. Die App gibt es bisher nur auf Deutsch und Englisch, aber eine tschechische Version ist bereits in Vorbereitung und wird bald auch wie die deutsche Version hier zum kostenlosen Download bereitstehen.

Und so wandere ich weiter durch die Schlösser, die Partnerstädte und werde mit offenen Armen empfangen, um die deutsch-tschechischen Beziehungen zu vertiefen oder sogar die ersten Schritte für eine deutsch-tschechische Zusammenarbeit zu unternehmen.

Kristýna Šoukalová

(Ungewolltes) deutsch-tschechisches Kulturerbe

BLOG Nr. 14

Die Grenzregion hat es in den letzten Jahren zweimal in die internationalen Medien geschafft. Das erste Mal im Juli 2019, als die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří UNESCO-Welterbe wurde. Das zweite Mal dann zwei Jahre später, als weitere bedeutende Kurstädte Europas in die Welterbeliste aufgenommen wurden. Darunter waren drei bekannte tschechische und drei deutsche Orte.

Es ist kein Zufall, dass es gerade das Erzgebirge auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft hat. Seit fünfzig Jahren wird dank des internationalen Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt (Oktober 1972) der einzigartige Wert von Bauwerken und Orten hervorgehoben, die eine außergewöhnliche Kombination menschlicher Schöpfungen und natürlicher Gebilde darstellen und einen einmaligen, nicht bezifferbaren Wert besitzen. Die Begründung für die grenzüberschreitende Eintragung des Erzgebirges lautete wie folgt:

“Dank mehr als 800 Jahren fast kontinuierlicher Gewinnung und Verarbeitung von Erzen wurde im Erzgebirge (Krušné hory) eine einzigartige Bergbaulandschaft mit einzigartigen montanen Denkmälern sowohl über als auch unter der Erde und mit einem dichten Netz von Bergbaustädten geschaffen. Es zeigt die enormen Auswirkungen des Bergbaus und der Erzverarbeitung auf beiden Seiten des Gebirges auf die Entwicklung des Bergbaus und der Metallurgie auf der ganzen Welt, insbesondere durch den Beitrag der Erfindungen und Innovationen, die für die Welt bedeutend sind, und zwar in den Bereichen Bergbau- und Metallurgie-Technologien. Auf der tschechischen Seite sind dies die Bergbaulandschaften Jáchymov, Abertamy – Boží Dar – Horní Blatná, Krupka, Mědník und der Rote Turm des Todes (Rudá věž smrti).”

(UNESCO Tschechische Republik)

Um das außergewöhnliche Vermächtnis, das sich im Inneren des Erzgebirges und auf seinem Kamm verbirgt, zu verstehen, bedarf es wahrscheinlich unzähliger Besuche von Stollen, Hämmern, Kalkwerken, Fördertürmen, Spaziergängen entlang von Kanälen und Gräben und vielen Stunden in Museen, Münzhäusern, Bibliotheken, Schlössern und Burgen. Oder die beste Variante von allen: Man macht einen geführten Spaziergang mit Herrn Urban, dem Autor des UNESCO-Nominierungsantrags, der wohl der Fremdenführer mit den fundiertesten Kenntnissen ist.

Montanregion Erzgebirge

Die sächsisch-tschechische Grenzregion hat durch das Weltkulturerbe ganz neue Impulse bekommen und ist zu einem Anziehungspunkt für Touristen aus nah und fern geworden. Die Peripherien Sachsens und Böhmens sind plötzlich in den Fokus derjenigen gerückt, die sich für die Geschichte des Bergbaus interessieren. Leider nicht für lange Zeit, denn nach einem halben Jahr der Freude kam der Lockdown (2020). Viele Menschen erreichten die Informationen über den „Weltruhm“ der „sich am Rande befindenden“ Region somit nicht, obwohl die Vertreter der Montanregion intensiv daran gearbeitet haben.

Noch erstaunter war ich, als ich Einwohner der Region fragte, ob sie wüssten, was für ein wichtiges Kulturdenkmal sich direkt bei ihnen um die Ecke befinden würde – sie wussten es nicht. Viele hatten nicht einmal mitbekommen, dass es von einer weltweit bedeutenden Organisation ausgezeichnet worden war. Kein Wunder, denn auf der tschechischen Seite sucht man das UNESCO-Schild oft vergeblich. Weder in Karlovy Vary (Eintragung 2021) noch in Měděnec (Eintragung 2019) ist es (bisher) im öffentlichen Raum zu finden.

Ich frage mich immer wieder vergebens, warum dem so ist. Wollen wir keine Touristen hier? Haben wir denn gar nichts zu bieten? Schämen wir uns für uns? Was wollen andere denn hier?! Ausländer? – Nein, danke. Ich weiß es nicht, ich habe die Gründe noch nicht gefunden. Im Vergleich dazu ist die Situation auf der sächsischen Seite anders. Hurra, wir sind Welterbe!, verkündet ein Banner auf dem Marienberger Markt und ist das erste, was mir als Besucher ins Auge fällt. Die Sachsen sind stolz auf ihr Kulturerbe, denke ich mir. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Kann man den Stolz auf die eigene Herkunft auch anderen beibringen? Brauchen wir ihn in der Tschechischen Republik? Wozu wäre das gut?  

Ich setze mich auf eine Bank auf dem Markt und lasse die Kulisse der Bergbaustadt auf mich wirken. Genau wie auf der tschechischen Seite ist der Platz der einst berühmten Stadt am frühen Abend fast leer. Trotzdem habe ich das gute Gefühl, dass hier Menschen leben, denen es nicht egal ist, wie ihre Stadt aussieht. Und dass sie stolz sind, wie man hier sagt – eben weil sie Welterbe ist, einzigartig, es keinen zweiten Ort wie diesen auf der Welt gibt, mit dieser Bedeutung! Und das, obwohl er auf einer Deutschlandkarte kaum zu finden ist!

Und was ist mit uns – werden wir unseren (verlorenen) Stolz (wieder)finden?

Bilderquellen :

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/welterbe/welterbe-deutschland/montanregion-erzgebirgekrusnohori

Montanregion Krušnohoří-Erzgebirge, http://www.montanregion.cz/cs/mapa

VERONIKA KUPKOVÁ

Wenn Enthusiasmus auf Enthusiasmus stößt!

BLOG Nr. 13

Wir nennen uns im Rahmen des Programms Macher*innen und Enthusiast*innen, aber die deutsch-tschechische Zusammenarbeit und Begegnungen könnten insgesamt nicht ohne solche Menschen existieren und lebendig bleiben. Damit meine ich nicht uns im Rahmen des Programms, sondern Menschen, die sich bereits seit Jahren und Jahrzehnten engagieren und an der eigenen Kultur sowie an der des Nachbarlandes interessiert sind, die ihr Wissen und ihre Begeisterung gerne mit anderen teilen und sie dadurch inspirieren. Und genau so einen Enthusiasten wollen wir hier heute vorstellen.

So erlebten wir Anfang September ein energievolles und bereicherndes Treffen mit Herbert Pöhnl. Schon einige Male ist es uns passiert, dass jemand von bestimmten Personen spricht – was sie alles tun, wie aktiv sie sind, man trifft sie aber nicht und der Kontakt ist auch manchmal schwer zu finden. So ging es uns auch mit Herbert und seinem guten Freund Edmund.

Und dann kommt plötzlich der Moment, in dem es passiert – die Wege kreuzen sich. Sára ruft mich an und sagt, dass wir den Kontakt zu Herbert Pöhnl haben und dass er sich mit uns beiden treffen möchte. Definitiv sinnvoll – er ist mit dem Bayerischen Wald verbunden, genau wie wir zwei durch unsere beiden Regionen.

An einem sonnigen Tag ging es also in ein Café nach Regen. Als erstes erzählt uns Herbert, wie er die ersten Male nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Tschechien fuhr. Danach stellte er sich die Frage „Wie begegnest du überhaupt deinen tschechischen Nachbarn?!“ Es war alles andere als Wertschätzung, die er empfand, deswegen fing er neu an und ab dem Moment interessierte er sich – für alles, aber hauptsächlich für die deutsch-tschechische Beziehungen. Und daraus entstanden seine Projekte, über die er weitererzählte, u.a. über eine Ausstellung im Rahmen von Setkání – Begegnungen, die demnächst von Všeruby nach Lauf an der Pegnitz wandert. Als wir ihn fragten, wie er alles organisiert und finanziert – größtenteils allein, mit Bekannten und Freunden und wo er die Bilder für Ausstellungen druckt? Bei sich zuhause im Keller – das nennt man Enthusiasmus!

Was erwartet er von uns? Inspiration, Austausch und auch, dass er von uns über verschiedene deutsch-tschechische Veranstaltungen und Begegnungen auf dem Laufenden gehalten wird, damit er neue Eindrücke für künftige Projekte gewinnen und fotografisch festhalten kann. Er wünscht sich auch jemanden, der ihn journalistisch unterstützen könnte. Mit seinen über 70 Jahren teilt er sich die Aufgaben in seinen Projekten gerne auf und gibt somit anderen die Chance, viel von ihm zu lernen und im regen Austausch zu sein. Pläne hat dieser bildende Künstler auf jeden Fall mindestens für die nächsten 70 Jahre.

Die Gedanken schwirren uns nach dem Treffen durch die Köpfe. So enthusiastisch und energievoll wollen wir in 40 Jahren auch noch sein!

MArtina Engelmaierová und Sára Špeciánová

Deutsch-tschechische Begegnung von Grundschulen? So geht’s!

BLOG Nr. 12

Wenn man noch neu in der Welt der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit in den unmittelbaren Grenzregionen ist und selbst viel Enthusiasmus für dieses Thema hat, überschätzt man doch manchmal das Interesse der anderen Menschen aus der Region an gemeinsamen Aktionen mit dem Nachbarland. Zumindest ging es mir über den Sommer oft so. Viele bereits grenzüberschreitend aktive Menschen aus meiner Region hatten mir in gemeinsamen Gesprächen gesagt, dass es häufig bei „älteren“ Freunden und Bekannten noch zu viele Barrieren im Kopf gibt, die grenzüberschreitende Begegnungen und Erlebnisse erheblich behindern. Aus ihrer Sicht ist es deshalb umso wichtiger, Schulen und Kindergärten für deutsch-tschechische Austauschaktivitäten zu gewinnen, um Kindern und Jugendlichen ein grundlegendes anderes, ein positives und offenes Mindset in Bezug auf das Nachbarland mitzugeben und sie schon frühzeitig gemeinsame Kontakte knüpfen zu lassen.

Doch wie genau stellt man so etwas an? Davon konnte ich mir diesen Sommer beim Auftakt eines einjährigen Schulbegegnungsprojekts zwischen der Sorbischen Grundschule in Bautzen und der Základní škola Polevsko ein Bild machen. Gregor von der Bautzener Grundschule hatte ich über meinen Programmkollegen Jan kennengelernt, und bei unserem ersten Gespräch über Potenziale im Grenzgebiet hat er mir gleich angeboten, zu den Schulbegegnungen mitzukommen. Ursprünglich wollte ich mir dabei nur den Ablauf der Begegnung und die Interaktion der deutschen und tschechischen Kinder ansehen – da man aber als „Macher und Enthusiast“ nicht nur in der Ecke stehen kann, fand ich mich dann im schönen Örtchen Polevsko mit einer eigenen Kleingruppe von Schüler*innen wieder, die ich selbstständig mit Sprachanimation betreuen und dann auch durch die spielerische Dorfrallye führen durfte. Das war eine schweißtreibende, aber sehr schöne Erfahrung, und der hervorragende Mix aus dem Aktivsein im Freien und sprachlichen Lerninhalten in spielerischer Form hat nicht nur den Schulkindern, sondern auch den mitgereisten Lehrer*innen und Eltern sehr gut gefallen. Das Organisationsteam beider Grundschulen hat diesen Tag super geplant und durchgeführt; zwei persönliche Anekdoten haben mir aber verdeutlicht, dass man bei grenzüberschreitenden Begegnungen von Kindern und Jugendlichen gar nicht so viel Angst vor dem Aufwand an Organisation und Sprachmittlung haben muss. Und dass „weniger“ vielleicht auch oft „mehr“ sein kann.

Anekdote 1: Zwei Stunden Sprachanimation ohne Pause durchzuziehen schaffen wohl nur Profis. Und da ich das nicht bin, habe ich zwei kurze Pausen eingelegt. Während meiner Animationsübungen waren die Kinder Ihren deutschen/tschechischen Altersgenossen gegenüber etwas zurückhaltend und es war herausfordernd, sie zu gemeinsamer Interaktion und Kooperation zu bringen. Mit Beginn der kurzen Pausen war diese Scheu wie weggeblasen. Beide „Lager“ hatten verschiedene Spiele- und Bildkarten mit und saßen in deutsch-tschechisch gemischten Kreisen zusammen, tauschten ihre Karten aus und kommunizierten eher über Hand und Fuß, ohne miteinander reden zu müssen. Ein schönes Beispiel dafür, dass oft auch ganz einfache, niedrigschwellige Ansätze zu einer gelungenen grenzüberschreitenden Interaktion führen können.

Anekdote 2: In meiner Kleingruppe unterstützten mich eine tschechische Lehrerin sowie ein deutscher mitgereister Vater. Für die Dorfrallye im Anschluss an die Sprachanimation musste die Gruppe allerdings aufgeteilt werden, sodass am Ende ich mit einer Hälfte und die anderen beiden mit der zweiten Hälfte unserer deutsch-tschechischen Kleingruppe unterwegs waren, um beide Sprachen abdecken zu können. Da bei der Lehrerin und dem Vater aber eine gemeinsame Mittlersprache fehlte, wusste bei den beiden keiner so richtig, wie das überhaupt funktionieren soll. Dass ihre Gruppe dann eine der besten von insgesamt 12 Gruppen war und bei den einzelnen Aufgabenstationen fast doppelt so viele Punkte wie meine Gruppe sammeln konnte, zeigt, dass Sprache nicht alles ist. Zurück auf dem Schulhof freut sich die Gruppe über das gute Ergebnis, die tschechische Lehrerin, der deutsche Vater und die deutsch-tschechische Schülergruppe klatschen sich ab. Von ihnen hätte wahrscheinlich noch am Morgen keiner gedacht, dass sie Teil einer so gelungenen deutsch-tschechischen Teamarbeit werden können. Das macht doch Lust auf mehr?

Ende September steht das nächste Treffen der Grundschulen an, diesmal in Bautzen. Und wer weiß, vielleicht entstehen ja schon dort nach dem ersten, vielleicht auch etwas nervösen gemeinsamen Kennenlernen in diesem Sommer schon ein paar richtig feste Freundschaften. Ich war begeistert davon, zu sehen, wie eine solche Begegnung umgesetzt wird und schöne, gemeinsame Erlebnisse und Verständigung auch dann funktionieren kann, wenn kein/e Dolmetscher/in bei einer Gruppe ist. In der Zwischenzeit freue ich mich auf die nächsten Begegnungstreffen im September, Dezember und um Ostern und arbeite bis dahin daran, dass noch mehr Kindergärten und Schulen Lust auf ein solches Begegnungsprojekt bekommen.

MAX MELZER

Stammtisch, ale cool!

BLOG Nr. 11

Internationales Treffen für Familien in Cheb bei der Murmelbahn

Vor einigen Jahren habe ich im Rahmen eines Projekts nach deutsch-tschechischen Veranstaltungen in der Grenzregion gesucht. Und dabei bin ich auf eine interessante Information gestoßen – einen deutsch-tschechischen Stammtisch, der regelmäßig im Kulturzentrum Svoboda in der Stadt Cheb stattfindet. Da ich zu der Zeit in Pilsen gewohnt habe, habe ich dem Ganzen keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt.

Nun mit dem Programm „Ein Jahr an der Grenze“ ist mir der Stammtisch in Cheb wieder eingefallen – ob es den noch gibt? Ich habe nach der Webseite gesucht, die ich damals gefunden hatte, jedoch ohne Erfolg.

Dann gebe ich verschiedene Stichworte in die Suchmaschine ein: „Stammtisch“, „deutsch-tschechisch“, „Cheb“, „Svoboda“. Es muss doch einen Namen geben, einen Kontakt, irgendetwas. Ich durchstöbere etwa fünf Webseiten und dann finde ich ihn schließlich – „Günther Juba“ und seine E-Mail-Adresse. Ich öffne Gmail und schreibe eine Anfrage, um zu erfahren, wie es mit dem Stammtisch aussieht.

Auf eine Antwort habe ich nicht lange warten müssen. Herr Juba schreibt, dass er jetzt fast 80 Jahre alt sei und es während der Pandemie keinen Stammtisch gegeben hätte, aber dass Herr Häupler, sein Nachfolger, Online-Treffen organisiert hätte und dass sie gerade planen würden, die Treffen auch offline wieder aufzunehmen. Und dass es den Stammtisch schon seit zwanzig Jahren gebe! Das klingt großartig! Günther Juba scheint aber auch abseits des Stammtisches eine bedeutende Persönlichkeit in der deutsch-tschechischen Welt zu sein, deshalb antworte ich gleich mit der Bitte um ein persönliches Treffen.

“Sehr geehrte Frau Ellrodt,
selbstverständlich bin ich zu einem Gespräch bereit. […] Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie gerne kommen.
Mit freundlichen Grüßen,
Günther Juba”

„Ding-dong!“ Ich stehe an einer Tür in einem abgelegenen Ortsteil von Waldsassen und erinnere mich vage von den Fotos aus dem Internet an das Gesicht von Herrn Juba. Ich höre jemanden kommen und nach der Türklinke greifen. Die Tür öffnet sich und Herr Juba steht vor mir, mit dem gleichen Funkeln in den Augen wie auf den Fotos, nur ein bisschen älter. Hinter ihm erscheint eine weitere, etwas kleinere Gestalt.

Und so beginnt die bezauberndste Begegnung, die ich bisher im Rahmen des Programms erleben durfte.

„Ah, Sie sind Tschechin? Das haben wir nicht erwartet! Sie müssen Ihre Schuhe nicht ausziehen!“, sagen sie und lächeln mich an.
Ich ziehe meine Schuhe aus.
Sie freuen sich.
Ich darf mich an den Esstisch setzen und sie bieten mir selbstgemachten Pfefferminztee an, den ich unmöglich ablehnen kann. Frau Juba kann nicht mehr gut sehen, Herr Juba kann nicht mehr gut hören. Und so ergänzen sie sich – sie schenkt mir Tee ein und er sagt ihr, wenn die Tasse voll ist. Sie sind ein wirklich ein goldiges Paar.
„Und Sie leben in Arzberg? Wir haben Freunde dort“, erzählen sie und zählen dann deren Nachnamen auf.
„Das sind unsere Nachbarn, nette Leute!“, entgegne ich und füge gedanklich hinzu: „Auch so goldig wie ihr beide.“
Durch diese als Türöffner fungierende zufällige Verbindung verlief unser weiteres Treffen auf einer viel direkteren und freundlicheren Ebene, als ich es mir hätte vorstellen können.

Das nächste Mal treffen wir uns dann beim ersten Stammtisch „nach Corona“ in Cheb. Mit Herrn Häupler unterhalte ich mich darüber, dass es gut wäre, einen Stammtisch auch für die jüngere Generation und für Familien mit Kindern zu organisieren.

Also fange ich an, meine Fühler auszustrecken und die passenden Menschen zu finden. Ich telefoniere mit Freunden, mit Verča Widmann vom Programm „Ein Jahr an der Grenze“, ich treffe neue, motivierte Leute auf der Jubiläumsfeier von Tandem und so entsteht eine Gruppe, die Lust darauf hat, Treffen dieser Art zu organisieren oder zu unterstützen. Nach dem ersten gemeinsamen Zoom-Gespräch haben wir schließlich eine recht klare Vorstellung… und setzen sie um!

Wenn auch Sie daran interessiert sind, andere, insbesondere deutsch-tschechische Familien mit Kindern im Grenzgebiet zu treffen, können Sie der Facebook-Gruppe FamilienKlubík beitreten, in der Informationen über geplante Treffen und andere Veranstaltungen im Grenzgebiet zu finden sind.

In meiner Region haben A BASTA! z.s. und das Familienzentrum Přístav generací aus Cheb die Organisation der Treffen übernommen. Die Treffen finden einmal im Monat statt und sind offen für Menschen aller Generationen und Nationalitäten. Das letzte Treffen fand am 07.08. in Cheb statt, die Kinder haben auf dem Kugelspielplatz gespielt und die Erwachsenen konnten sich unterhalten und ganz gut vernetzen.
Herr Häupler informiert auf der neuen Webseite des Stammtisches und über seinen E-Mail-Verteiler über die Treffen und drückt uns die Daumen.

Also drückt uns die Daumen, damit die Treffen auch in Zukunft so gut laufen!

iva ellrodt

Am Tatort!

BLOG Nr. 10

Internetrecherchen, Telefonate und Mails sind heutzutage ein großer Vorteil. Doch nichts geht über persönliche Treffen und darüber, sich vom Potenzial der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit am eigenen Leibe zu überzeugen. Und so plane ich Treffen und Besuche bei Akteuren, die zum Teil schon im Bereich deutsch-tschechische Verständigung aktiv, zum Teil von der deutsch-tschechischen Vernetzung noch unberührt sind.

Auch so erweist sich jedoch die Macht der sozialen Medien als starker und wichtiger integraler Bestandteil meiner aktiven Kontaktsuche. Nachdem ich auf meinem Facebook-Profil einen Beitrag über unser neues Programm gepostet habe, erreicht mich per Messenger eine Einladung von Ulrich Sacher in die Galerie im Pfarrhaus Jöhstadt. Nach meiner positiven Antwort ruft Ulrich mich begeistert an und begrüßt mich am Telefon stolz mit einem fleißig gelernten „Dobrý den“. Wir wechseln ein paar Worte und schon trage ich mir eine neue Fahrt in meinen Kalender ein. Die Möglichkeit, Werke deutscher Künstler aus dieser Galerie auf dem Landart-Festival Königsmühle auszustellen, gefällt Ulrich, deshalb begleitet mich zu dem Treffen Petr Mikšíček, der Organisator dieser langbewährten Veranstaltung.

Wieder auf der tschechischen Seite der Grenze, betrete ich eine schöne 100 Jahre alte Villa mit einem kleinen Turm. Dort hält an der Tür schon Petr Globočník nach mir Ausschau, der Inhaber des Nachbarschaftshauses „Libuše“ in der Plattenbausiedlung Janov u Litvínova, nur 10 km von der deutschen Grenze entfernt. Mit seinem Verein „My Litvínov“(„Wir Litvínov“) bietet Petr ein Umfeld für alle, die sich nach gemeinsamem Schaffen und gegenseitigem Respekt sehnen. „Libuše ist ein Raum für Kultur, Musik, Kunst, Lernen, Inspiration, Ruhe und Liebe“, sagt Petr und führt mich durch die Räume, die gerade rekonstruiert werden. Als wir beim Kaffee sitzen und ich Petr das Programm „Ein Jahr an der Grenze“ vorstelle, hört er konzentriert zu und in seinen Augen kann ich nicht nur Interesse und Neugier, sondern auch etwas Unsicherheit erkennen. Petr spricht zwar kein Deutsch, erinnert sich aber daran, dass dieses Gebäude, dessen Geschichte er zu erforschen suchte, unter anderem auch als „Erholungsheim“ mit dem Namen „Villa Elisabeth“ diente. Die Tür dieses Hauses auch für die deutschen Nachbarn zu öffnen, scheint ihm eine gute Idee und er denkt schon über die Workshops nach, die er für Erwachsene und vor allem auch Kinder aus Deutschland anbieten könnte. Ich drücke Petr eine Visitenkarte in die Hand und verabschiede mich mit dem guten Gefühl, dem Ziel, die deutsch-tschechische Nachbarschaft direkt vor Ort zu stärken, wieder ein Stück näher gekommen zu sein.

Meine Treffen sind sehr inspirierend, doch nichts geht über eine Arbeit, bei der man auch mal mit anpacken kann. Als ich nach einer halben Stunde die weitläufigen Schwarzen Wiesen erreiche, auf denen sich graziös Menschen mit Sensen und Harken bewegen, wische ich mir den Schweiß von der Stirn und freue mich, sie auch ohne Karte gefunden zu haben. Und sie haben gerade Pause! Ich packe Muffins aus meinem Rucksack und platziere sie taktisch samt der Visitenkarten in der Mitte des Picknicks. In der Vorstellungsrunde zerspringe ich fast vor Ungeduld, mit jedem der Anwesenden Kontakt zu knüpfen, denn die meisten von ihnen kommen direkt aus meiner Arbeitsregion. So zum Beispiel Jitka Pollakis, die zudem Mitarbeiterin des Vereins „Grüne Liga Osterzgebirge“ ist und den Wunsch äußert, eine Zusammenarbeit mit einem ähnlichen Verein aus Tschechien zu knüpfen. Dem schließt sich Blanka Techlovská an, die das Projekt „Schulwerkstätten“ im Handwerksatelier „Woodmaid“ in Most leitet. Die Idee, in der Werkstatt Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Tschechien zusammenzubringen, gefällt ihr und sie probiert schon mal ihr gebrochenes Deutsch aus. Aber genug geschwatzt! Schon wird mir eine Sense in die Hand gedrückt, begleitet von der Instruktion, es sei nur, „als würde man tanzen“. Und so tanzte ich bis zum Abend und habe die Atmosphäre des bereits 8. deutsch-tschechischen „Heuhoj Camps“ sehr genossen. Am nächsten Tag konnte ich mich natürlich kaum bewegen, doch es hat sich gelohnt. Denn wäre meine Arbeit nicht Freude und Mühe zugleich, dann hätte sie keinen Sinn und wäre wohl überflüssig.

Kristýna ŠOUKALOVÁ

Traurige Region mit Hoffnung

BLOG Nr. 9

„Es ist hier so traurig, wegen der Geschichte“, sagt meine neue Freundin aus Westböhmen. Vor mehreren Jahren ist sie 200 km weiter nach Osten, ins südliche Böhmen, gezogen und sieht nun manches, was die Einheimischen nicht mehr wahrnehmen, klarer.

Kennengelernt haben wir uns in der Gegend von Česká Lípa, nicht weit von dem Ort, den viele aus dem tschechoslowakischen Märchenfilm „Die stolze Prinzessin“ kennen. Hier gibt es malerische Aussichten auf eine malerische Landschaft, die trotz ihrer abrupten kegelförmigen Hügel und dynamischen Täler harmonisch wirkt. So märchenhaft ging es hier aber nicht immer zu. In der Nähe befand sich einst eine Nazifabrik und nach dem Krieg haben Zugezogene aus dem Landesinneren mit den ursprünglichen Einwohnern relativ wahllos abgerechnet. Mir fallen wieder Janas Worte ein – und ich frage mich: Wie kann ein Ort wegen seiner Geschichte traurig sein? Als würde sich Trauer über Generationen hinweg vererben. Wie kann es sein, dass man das heute noch ,sieht‘ – ohne dass man ein Studium der Landschaftsmalerei oder anthropologische Geländeübungen absolviert hat?!

Ein paar Kilometer weiter herrscht trotz stillgelegter Eisenbahngleise Leben. Im frisch renovierten Zentrum für Bildung und Kultur (CvaK) treffen sich gerade Deutsche und Tschechen, um die Grundlagen des Bergsteigens zu erlernen. Sport verbindet, sage ich mir, zur Verständigung braucht es nur ein paar Gesten. Genau wie Musik oder Kunst schlechthin. Auch diese menschlichen Tätigkeitsfelder zeugen oft von der gemeinsamen Geschichte – und die enthält nicht nur ,Trauriges‘, sondern auch Hoffnungsvolles. Wie die Geschichte von der deutsch-tschechischen Freundschaft zwischen Emil Zátopek und Herbert Schade.

Ich unterhalte mich mit dem Hausmeister des CVaK. Der nickt zustimmend und sagt, hier fänden zuweilen auch andere internationale Treffen statt. Auch wenn es hier nicht direkt ,an der Grenze‘ ist, begegnen sich Menschen verschiedener Nationalitäten. Und ich – sinniere darüber nach, was für außergewöhnliche Möglichkeiten wir doch heute in der Grenzregion haben: Wir können mit deutsch-tschechischen Treffen eine andere, fröhlichere Geschichte ,schreiben‘.

Am zweiten Tag geht es auf in die Felsen. Die Klangkulisse lässt ahnen, dass da am Seil Angehörige verschiedener Nationalitäten ,hängen‘. Egal, wer wen sichert – wichtig ist, dass man einander wahrnimmt und sich automatisch auf den anderen verlassen kann, wenn einem mal das Seil ,wegrutscht‘. Wie z.B. Deutsche und Tschechen im heutigen Europa, denke ich mir.

Begebt euch also getrost mit Ein Jahr an der Grenze auf Expedition – ins Gelände oder auch nur symbolisch (z.B. in Form von Sport, Kunst und mit unserem Blog). Ihr werdet bestimmt was anderes erleben als jene ,ererbte‘ Trauer.

Ich und die anderen Botschafterinnen und Botschafter von Ein Jahr an der Grenze begleiten euch dabei gern.

P.S.: Falls ihr für euer Treffen einen geeigneten Ort in der deutsch-tschechischen Grenzregion sucht – hier ein paar Tipps:

Bayreuth – Jugendherberge

Falkenstein – Wildniscamp am Falkenstein

Hejnice – Klášter, vzdělávací, konferenční a poutní dům

Jelení bei Nové Hamry – Mezi Jeleny

Haidmühle – Haus Waldmichl

Hinterhermsdorf – ELBI Haus

Hohenau – Jugendwaldheim „Wessely Haus“

Horní Maršov – SEV DOTEK (Umweltbildungszentrum DOTEK)

Horská Kvilda – SEV Národního parku Šumava (Umweltbildungszentrum des Nationalparks Böhmerwald)

Horažďovice – PROUD: Envicentrum Podbranský mlýn (PROUD: Umweltzentrum Podbranský mlýn)

Lesná u Boleboře – Horský areál (Berggelände)

Nový Oldřichov – Centrum vzdělávání a kultury (Zentrum für Bildung und Kultur)

Prachatice – CEV Dřípatka (Umweltbildungszentrum Dřípatka)

Schmalzgrube – Naturherberge Hammerwerk

Waldmünchen – Jugendbildungsstätte

Wunsiedel – Jugendherberge

Zethau – Grüne Schule grenzenlos

Zinnwald – Jugendherberge

Veronika Kupková

Wie man Kontakte sucht oder: Ich finde auch das, was ich eigentlich gar nicht suchen wollte

Die Ausstellung Lipno – ein Spiegel der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist bis Ende September auf dem Platz in Horní Plané zu sehen.

BLOG Nr. 7

Der erste Auftrag klang klar: Verschaffe Dir einen Überblick über die deutsch-tschechische Zusammenarbeit in Deiner Region.

Stand: Im Prozess (vermutlich noch lange)

Wie findet man eigentlich diese Kontakte? Und wie verschafft man sich einen solchen „Überblick“ oder etwas, das zumindest entfernt daran erinnert?

Ich denke, wir alle haben uns auf das Projekt „Ein Jahr an der Grenze“ eingelassen, weil wir eine Fülle von Ideen im Kopf haben, wie wir die deutsch-tschechische Zusammenarbeit bereichern können. Einige davon sind leicht umzusetzen, wenn man die richtigen Kontakte hat, während andere fast idealistisch sind.

Kontakte, Kontakte, Kontakte, Kontakte – gibt es in diesem Projekt noch etwas anderes als nur Kontakte?

Ja! Es geht darum, die Kontakte miteinander zu verknüpfen (da ist es wieder, dieses Wort).

Wie also anfangen… man schreibt seinen Freunden und Bekannten, die sich in dieser Region bewegen, oder ruft sie an und vereinbart ein Treffen mit ihnen. Manche reagieren, bei anderen hakt man ein paar Mal nach, manche reagieren auch dann nicht. Doch jedes Treffen, ob virtuell oder real, führt zu neuen Kontakten und neuen Ideen. In der nächsten Phase kontaktieren Sie dann Freunde von Freunden und Bekannte von Bekannten, um weitere Anregungen und – was sonst – mehr Kontakte bei neuen Treffen zu bekommen. Und dann googelt man und googelt und googelt …. Kate sagte nämlich, dass es da und da einen Verein xy gibt, aber sie war sich nicht sicher, wie er genau heißt. Man setzt sich also hin und sucht und findet.  Man findet den Verein xx, dann den Verein xz  und so weiter …. Und nach weiteren zwei Stunden schließlich den Verein xy. Auch wenn es nicht so aussieht, waren diese zwei Stunden Zeit gut investiert, denn man hat auch Dinge gefunden, nach denen man zwar nicht gesucht hat, die aber genau zu dem passen, was man eigentlich braucht.

Und genau so findet man nicht nur Vereine, Verbände, Institutionen, Menschen, sondern auch Veranstaltungen. Zum Beispiel die in Horní Plané, an der ich letzte Woche teilgenommen habe und die mich wieder einmal daran erinnert hat, dass das Kontakteknüpfen auch ein angenehmes gesellschaftliches Ereignis sein kann. Und in diesem Sommer wird es viele solcher Veranstaltungen geben, also scheuen Sie sich nicht, eine davon zu besuchen.

Und wie sieht es also mit dem anfangs erwähnten Überblick aus? Der ist diesem Prozess, bei dem man immer wieder neue Dinge entdeckt, neue und neue Informationen, neue und neue Kontakte… Und diese schreibt man in seine Tabelle, die am Anfang absolut keinen Sinn machte, aber jetzt immer übersichtlicher wird und bestimmte Dinge fangen an, sich miteinander zu verbinden und es liegt nur an einem selbst, auch einzelne Kontakte zu verknüpfen.  

sára speciánová

 

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