Neue Impulse für die deutsch-tschechische Zusammenarbeit

Kategorie: Oberfranken – Chebsko

Halbzeit im Museumsmarathon 

BLOG č. 24

Im Blog zur Museumslandschaft im Dreiländereck stellte ich fest: Es sind keine Idealtypen, sondern „echte Menschen“, die jeden Tag mit viel Herzblut die Vielzahl interessanter und lebhafter Museen „am Laufen halten“. Wie können wir den Austausch zwischen ihnen unterstützen? Sie anregen, sich häufiger über aktuelle Projekte und Zukunftspläne zu informieren? Vielleicht sogar dazu animieren, gemeinsame Unternehmungen zu entwickeln? 
Nun, der erste Befund war offensichtlich: Viele Themen und Vermittlungsformen, aber auch viele Herausforderungen sind für die Museen auf beiden Seiten der Grenze ähnlich oder gleich. In den einzelnen Gesprächen und Kontakten zeigt sich immer wieder Befund Nummer zwei: Das Interesse an „den anderen“ ist groß. In der Vielzahl der täglichen Aufgaben aber geht so mancher Versuch der Kontaktaufnahme unter, bleibt auf halbem Wege stecken. Corona tat dann oft den Rest. Unser Plan war darum schnell gefasst: Wir laden einfach alle ein. Gemeinsam mit Kamila Jůzlová aus dem Gebiet Tachovsko – Oberpfalz organisieren wir kleine, offene Treffen für die Museumsleute der Region in ausgewählten Häusern – natürlich gleichberechtigt auf alle drei Regionen verteilt. Nun, nach der dem zweiten Treffen – Halbzeit gewissermaßen – ist Zeit für ein kleines Zwischenfazit. 

Den Anfang machte das Sächsische Bademuseum in Bad Elster am 14. März. Es ist eingebettet in die großzügige Kunstwandelhalle im Kurpark. Eine beeindruckende und angemessene Kulisse für den Start. Unserer Einladung sind 35 Fachleute verschiedener Institutionen gefolgt: vom kleinen Stadtmuseen, über die Regionalmuseen, zum Geschichtspark Tachov-Bärnau, Burgen und großen Häusern wie dem Porzellanikon, dem staatlichen Museum für Porzellan aus Bayern. Doch nicht nur für Museen ist so ein Treffen spannend. Auch Vertreter eines Kulturhauses, des Denkmalamts in Loket oder des örtlichen Geschichtsvereins waren dabei. Stephan Seitz von der Churchsächsischen Veranstaltungs GmbH, die die Dauerausstellung betreibt, führte fachkundig und mit sichtbarem Stolz durch die Schau. Frau Nová dolmetschte souverän nicht nur diesen Teil des Treffens. Die besten Ergebnisse erzielt man auf Konferenzen in den Pausen, sagte einmal jemand. So hielten wir es auch. Beim Kaffee kam es zur gewünschten Grüppchenbildung. Sprachbarrieren gab es dabei keine. Und wenn doch, halfen Frau Nová und wir einfach aus. Museumsleute habe niemals Zeit und erzählen doch immer gern und lang von ihrer Arbeit. Umso überraschender war, dass alle sich an die Vorgabe hielten, ihre Häuser in nur drei Minuten vorzustellen. Bei so vielen Teilnehmenden wundert es nicht, dass die Vorstellung trotzdem die meiste Zeit in Anspruch nahm. Schon war das Auftakttreffen vorbei. Zum Glück hatten sich einige ein Herz gefasst und während der Pausen Ideen und Vorschläge für die Fortsetzung auf den Flipcharts hinterlassen. 

Die Fortsetzung folgte am 25. April im Porzellanikon in Hohenberg – einer der beiden Standorte dieses großen Museums. Ein zweiter befindet sich im nahen Selb. Dort steht die industrielle Produktion im Vordergrund. In Hohenberg tagten wir zwischen Vitrinen mit erlesenen, kunstvollen Stücken des 20. Jahrhunderts. Die Kuratorin Frau Petra Werner stellte uns diese und weitere Highlights aus Jahrhunderten Porzellankunst mit viel Sachkenntnis und einigen Einblicken in die Museumarbeit vor. Auch ein Blick in die Sonderausstellung „Schach und Porzellan“ durfte nicht fehlen. Die 25 Teilnehmenden waren sichtlich beeindruckt und hätten noch viel Zeit auf den 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche verbracht, hätten wir sie nicht zur Kaffeepause „gedrängt“. Dort bot sich uns das fast schon vertraute Bild: Manche freuten sich über ein Wiedersehen, andere lernten sich endlich kennen. Erneut sehr diszipliniert stellten alle ihre Häuser und aktuellen Projekte vor – diesmal mit einer kleinen Sonderaufgabe: Welche Beziehung haben Sie zu Porzellan? 

Zur Sprache kamen aber verstärkt auch die drängenden Fragen der Zeit: Wie lassen sich die Anforderungen an moderne Ausstellungen Trägern und Verantwortlichen in der Politik vermitteln. Welche Chancen haben grenzübergreifende Projekte? Sollte man sich erst intensiver kennenlernen oder gleich gemeinsame Projekte entwickeln? Wie kann man eine Basis zum regelmäßigen Austausch schaffen? Fragen über Fragen, die wir mitnehmen zum dritten Vernetzungstreffen, am 6. Mai in der spannenden Ausstellung zum Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in Plesná / Fleißen. 

Kamila jůzlová

They like to mluv it, mluv it…

BLOG Nr. 18

Seit Dezember 2022 schon entführt das Theater Cheb seine Zuschauerinnen und Zuschauer in die Welt der Märchen: „Es war einmal hinter den sieben Bergen“ (im Tschechischen sind es neun Berge: Bylo nebylo za devatero horami). Rasant führt der Erzähler und Moderator Kájen durch fünf tschechische Märchenklassiker im modernen Gewand und bezieht das Publikum immer wieder mit ein.  So weit so gut. 

Den Kontakt zwischen dem Theater Cheb und dem Rosenthal-Theater in Selb hatte schon meine Vorgängerin im Projekt, Iva Ellrodt, hergestellt. Siehe ihren Blog vom 16.3.2023. Zu Beginn des Jahres 2024 ist es endlich soweit: Am Sonntag, 7. Januar, wird „Es war einmal…“ in einer deutsch-tschechischen Version in Selb aufgeführt. Kájen spricht das Publikum überwiegend deutsch an, die Dialoge aber erklingen mal in der einen, mal in der anderen Sprache. So kann man der Handlung folgen und bekommt doch ein Gespür für die Grenzen der Zweisprachigkeit. Am Montag darauf, am 8. Januar, folgt eine besondere Vorstellung und ein schönes Beispiel, wie Begegnung aussehen kann, wenn alles Gute zusammenkommt:

Als ich den Saal des Rosenthal-Theaters betrete, schlägt mir das Rauschen von über 250 Kinderstimmen entgegen. Jeder teilnehmenden Schule aus Selb und Aš ist eine Sitzreihe zugeordnet. Nach den obligatorischen Begrüßungsreden geht es zur Sache: Simona Pöder Innerhofer und Christoph Mauerer von TANDEM bringen den Saal zum Kochen. Die beiden Sprachanimateure passen ihr Konzept für kleinere Gruppen kurzerhand an: einmal herumdrehen bitte und sich in der Zielsprache vorstellen: Hallo, ich bin… Ahoj, já jsem… Auch Bewegung kommt nicht zu kurz. Aus der berühmten Tanzszene „I like to move it, move it“ aus dem Zeichentrickfilm Madagascar (https://www.youtube.com/watch?v=hdcTmpvDO0I) wird I like to mluv it, mluvit. Mit dem Fliegerlied von Tim Toupet (https://www.youtube.com/watch?v=DDu5n9-ZkRE) dürfen neue Worte spielend und tanzend ausprobiert und gemerkt werden. 

Schon ist Halbzeit beim Deutsch-Tschechischen Theatertag. „Für mich war es sehr berührend, wie aufgeschlossen und neugierig die Schülerinnen und Schüler aufeinander waren. Sie haben die neu gelernten Wörter und Sätze gleich ausprobiert.“, erinnert sich Eva Wolff Fabris an die Mittagspause, in der das Foyer „ihres“ Theaters von hungrigen Kindern geflutet wurde. Sie haben sich dabei nämlich nicht nur an den zwei Stationen mit kräftigen bayerischen Snacks versorgt. Sie sind auch in Kontakt und ins Gespräch gekommen. 

Als die Glocke zum dritten Mal schlägt, ist es endlich so weit: Theater! Die Stille aber hält nicht lang und soll sie auch gar nicht. „Also“, ruft Kájen ins Publikum, „Soll dieses Märchen bleiben oder nicht?“ „Jaaaaaa“ oder „Anoooooo“ – Keines der fünf Märchen fällt beim begeisterten Publikum durch. Es wird gebannt dem Geschehen gefolgt, aber auch laut regiert bei Ansprache. Als „Geld“ ins Auditorium fliegt, hält es niemanden mehr auf den Sitzen. 75 Minuten Vorstellung vergehen sprichwörtlich wie im Flug. Nur langsam leeren sich die Reihen des Theatersaals, als leider die Abreise ansteht. Jeder und jede bekommt eine Tüte des Rosenthal-Theaters mit auf den Heimweg. 

Wie fällt Ihr Fazit aus, Frau Wolff Fabris? „Ich hoffe, dass der Deutsch-Tschechische Theatertag das europäische Miteinander gestärkt hat. […] Trotz aller sprachlicher Unterschiede zeigte sich in der Vorbereitung, dass die Schülerinnen und Schüler in Asch und Selb dieselben Märchen kannten. Es gibt kulturelle Gemeinsamkeiten, die verbinden. Gerade Märchen offenbaren viel über die jeweilige Kultur. Spannend war auch, ob ein zweisprachiges Stück wirklich beide Sprachgruppen bedienen kann. Die Schüler/innen – tschechische oder deutsche – haben sich rege am interaktiven Theaterstück des Theaters Eger beteiligt. Dieses Projekt sollte den Freundschaftsgedanken der Bayerisch-Tschechischen Freundschaftswochen in das Jahr 2024 weitertragen. Die Neugier an den Nachbarn sollte geweckt werden und der Spaß am Kommunizieren, auch jenseits der Wörter, gefördert werden.“ 

Und mein Fazit? So können sie im Idealfall aussehen, deutsch-tschechische Begegnungen und Zusammenarbeit, wenn „alles Gute zusammenkommt“, wie man so schön sagt. Das heißt vor allem, alle Akteure und Institutionen arbeiten zusammen und tragen zum Erfolg bei. Der erste Kontakt? Vermittelt im ersten Jahrgang von „Ein Jahr an der Grenze“. Sprachanimation durch TANDEM des Koordinierungszentrums Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch (Regensburg/Plzeň). Anreise und Durchführung gefördert von Euregio Egrensis Arbeitsgemeindschaft Bayern, unterstützt von den Bürgermeistern aus Selb und Aš. Und natürlich bleiben das Theater Cheb und das Rosenthal-Theater Selb auch auf meinem Radar. Denn diese wundervolle Veranstaltung war erst der Startschuss, oder Frau Wolff Fabris? „Zukünftig soll es weitere Projekte dieser Art geben, denn da sich die Muttersprachen stark unterscheiden, muss in Grenzgebieten aktiv in eine Verständigung investiert werden.“ Recht hat sie! 

Steffen Retzlaff

Regina S. geht im Dreiländereck ins Museum

BLOG Nr. 17

„Für wen machen wir das alles hier eigentlich?“ Diese mehr als berichtigte, geradezu zentrale Frage stellen wir uns nicht nur im Projekt Ein Jahr an der Grenze immer wieder. Alle, die ihre Zielgruppen konkreter als mit „irgendwie alle“ beantworten, versuchen mehr über die Bedürfnisse und Motivation jener Menschen zu erfahren, an die sie sich wenden. Bildungsträger, aber auch Marketingfirmen und Tourismusverbände nutzen dafür immer häufiger die Persona-Methode. Dabei werden Urtypen von Nutzerinnen und Nutzern mit bestimmten Merkmalen und Charaktereigenschaften, Erwartungen, Zielen und Bedürfnissen entworfen.Um mit ihnen ein fiktives Gespräch führen zu können, erhalten sie Namen, Gesichter und einen individuellen Lebenslauf.

Danny S. (32) aus Nürnberg zum Beispiel verbringt mit seiner Freundin Judith und ihrem 8jährigen Sohn jedes Jahr den Sommerurlaub im Fichtelgebirge. Outdoor-Aktivitäten und gastronomisches Angebot stehen für die junge Familie im Vordergrund. Sie gehört zur adaptiv-pragmatischen Zielgruppe, flexibel, weltoffen und digital. Trotz hoher Leistungs- und Anpassungsbereitschaft dürfen Spaß, Komfort und Unterhaltung nicht zu kurz kommen.

Regina S. (54) aus Dresden hingegen zeigt stärkeres Interesse an Kunst und Kultur. Die Diplom-Geologin kombiniert eine liberale Grundhaltung mit kritischer Weltsicht und dem Ziel der Selbstentfaltung, typisch für das liberal-intellektuelle Milieu.

Wir wollen sie bei Ihrem Urlaub ein wenig begleiten. Nach der Südamerika-Rundreise im Vorjahr verbringt sie ihren Frühjahrsurlaub dieses Mal im sächsischen Vogtland. Ihre Vorfahren kommen alle aus dem Örtchen Liebenstein, heute Líba, zwischen Hohenberg an der Eger und Franzensbad. Wenn sich Regina und ihr Lebensabschnittsgefährte Rainer auf Spurensuche begeben, und hier nehmen wir eine Quintessenz dieses kleinen Gedankenspiels voraus, machen sie keinen Unterschied, auf welcher Seite der Landesgrenze, in welchem bayrischen Regierungsbezirk oder in welchem Bundesland sie sich befinden. Überall laden sie Museen, Gedenkstätten und Veranstaltungen zur Reise in die Vergangenheit ein. Außer montags – versteht sich – da haben grenzübergreifend die meisten Museen geschlossen. Eine rühmliche Ausnahme bildet die Burg Loket (Elbogen) zwischen Sokolov und Karlsbad. Rainers Augen glänzen beim Betrachten des dort ausgestellten Porzellans, denn das ist sein Lieblingsthema. Ein Besuch in beiden Standorten des Porzellanikons, des Staatlichen Museums für Porzellan, in Hohenberg und Selb ist also gleich am Dienstag Pflicht. Die Grube Tannenberg, ein Schaubergwerk mit über 600 Meter langem Stollen, in dem seit dem 15. Jahrhundert Eisenerz abgebaut wurde, muss auch besucht werden.Schließlich ist man vom Fach.

Und so ist die erste Hälfte des Urlaubs schon fast rum, als sich Regina und Rainer an das Thema historisches Egerland, Alltag, Flucht und Vertreibung wagen. Das Egerlandmuseum in Marktredwitz ist die zentrale Institution in der Region. Es inszeniert eine typische Bauernstube – auf dem Gut Miltigau/Milíkov, einer Zweigstelle des Museums Cheb, kann ein ganzer Bauernhof besichtigt werden- und stellt die böhmischen Kurstädte und das Badewesen vor – ebenso das Sächsische Bademuseum in Bad Elster und das Stadtmuseum Franzensbad.

Es folgt eine Ausstellung zum Thema Vertreibung seit 1945. Das Jahr 1938 allerdings findet im Egerlandmuseum keine Erwähnung. Das Zusammenleben und die Konflikte vor und nach 1938 sind zentraler Bestandteil der neuen Ausstellung in Plesná (Fleißen) nahe Bad Brambach. Sie entstand in einem grenzüberschreitenden Projekt mit der Stadt Erbendorf: Das Museum Flucht – Vertreibung – Ankommen nimmt die Stadtgeschichte aber auch die Gegenwart mit der Perspektive von Flucht und Migration in den Blick. Im Museum Bayrisches Vogtland verbringen Regina und Rainer viel Zeit in der Abteilung Flüchtlinge und Vertriebene in Hof. Seit 2012 untersucht sie die Geschichte des Ankommens und der Integration der Vertriebenen in der Region und darüber hinaus in all ihren Facetten. Die Grenzlandheimatstuben im Dachgeschoss eines alten Egerländer Fachwerkhofs in Bad Neualbenreuth stapeln Relikte und Erinnerungsstücke an die alte Heimat auf und wirken wie aus der Zeit gefallen. Sie werden deshalb gerade neu überarbeitet.

Und in Sachsen? Im Stadtmuseum Auerbach widmet sich eine Dauerausstellung dem Schicksal der Heimatvertrieben im sächsischen Vogtland. Auf Schloss Voigtsberg in Oelsnitz, erfahren die beiden, wird eine Ausstellung zur Rolle des Schlosses als Ankunftsort für die „Aussiedler“ für nächstes Jahr vorbereitert. Die Auswahl ist groß, doch die Perspektiven sind sehr verschieden, stellen Regina und Rainer und auch wir in einer zweiten Schlussfolgerung fest. Die Detektive der Vergangenheit, die fiktiven Idealtypen wie die realen, finden in dieser spannenden Region, im Dreiländereck Bayern-Sachsen-Tschechien nicht nur unzählige Spuren und Relikte der Geschichte, sie geraten auch ins Spannungsfeld des Umgangs mit ihr. 
Und jene, die „Museum machen“, die Mitarbeitenden, Leiter/innen und Förderer dieser reichhaltigen Museumslandschaft? Sie sind keine Idealtypen, keine Personas. Sie sind Erben, Gestalter und Vermittler. Sie bringen die verschiedensten Perspektiven und Erfahrungen zur gemeinsamen Geschichte ein und tauschen sich darüber aus – auf vier Vernetzungstreffen im Frühjahr 2024, unterstützt vom Projekt Ein Jahr an der Grenze. Aber dazu später mehr! 

Steffen Retzlaff

Ein Jahr an den Grenzen

BLOG Nr. 9

Dreiländereck ist ein verlockender Ausdruck. Das klingt nach Zusammenkunft, spannenden Geschichten und Perspektivenvielfalt. Das haben auch die Politiker und Tourismusexperten gemerkt und werben für ihre Regionen: 15 solche Stellen gibt es zwischen den deutschen Bundesländern, weitere natürlich an den Außengrenzen der BRD, so im Westen mit Frankreich und Luxemburg bzw. der Schweiz. Wo sich im Osten die Oberlausitz, Schlesien und Böhmen begegnen, im Rayon meiner Projektkollegin Veronika Kyrianová, trafen immer auch Staaten aufeinander: Einst Sachsen, Preußen und Österreich – heute Deutschland, Polen und Tschechien.

„Meine Region“ Oberfranken, das sächsische Vogtland und der Karlsbader Bezirk ist also kein Dreiländereck im staatlichen Sinne mehr. Seit der Wiedervereinigung 1990 „trennt“ Bayern und Sachsen nur eine Landesgrenze. Bemühungen, auf beiden Seiten dieser Linie, das zu ändern, sind zu vernachlässigen. Böhmen, und damit die Staatsgrenze zu Tschechien, läuft nicht an den beiden Bundesländern entlang. Wie ein Keil schiebt sich das „Ascher Ländchen“ zwischen sie. An seiner Spitze, unweit des Städtchens Hranice/Roßbach treffen sie endlich aufeinander. Eine Landschaft, in der ich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und doch atmet sie Geschichte.

Dort stehen noch die einstigen Wachtürme wie Fremdkörper auf den satten Wiesen und erinnern daran, dass hier 40 Jahre lang eine doppelte Systemgrenze aufeinandertraf -zwischen den beiden deutschen Staaten aber auch der Bundesrepublik und der sozialistischen Tschechoslowakei. Wenn die Kinder in Gürth bei Bad Elster beim Spielen zu weit in den Wald liefen, gerieten sie auf Staatsgebiet der ČSSR. Nicht lebensgefährlich wie am „Eisernen Vorhang“, aber Ärger gab es doch, wie sich Zeitzeugen erinnern.

Heute sind diese Grenzen nicht mehr zu spüren. Wer aus dem vogtländischen Oberland (dem sogeannten Musikwinkel – dazu in einem späteren Blog mehr) nach Selb will, fährt selbstverständlich durch Asch. Aus der anderen Richtung – zum Konzert oder zur Kur nach Bad Elster ebenso. Zur Arbeit, zur Einkauf, Abendessen mit Knödeln oder auf Wandertour, der Wechsel zwischen den drei „Ländern“ ist hier alltäglich.

Die Zeitgeschichte – Geschichte, die noch qualmt (B. Tuchman) – hat freilich auch hier ihre Spuren hinterlassen. Den einst staatlich getrennten aber spachlich einheitlichen Raum (gemeint ist Deutschland und Tschechien – im Vogtland spricht man kein Sächsisch) trennt heute eine Sprachgrenze. Und das ist gut so! Es ist Anlass zu Neugier und Staunen, etwa wenn bei Bayrisch-Tschechischen Stammtisch in Cheb auf Tschechisch bestellt wird. Wenn alte deutsche Inschriften mit Hilfe deutscher Enthusiasten entziffert werden. Wenn man „aus deutscher Seite“ mit leichtem Akzent aber in beindruckendem Deutsch im Laden bedient wird. Es ist Gelegenheit und Anregung zum Ausstausch und Zusammentreffen. Es ist mein Job dabei zu helfen und die Geschichten zu erzählen. Deshalb: Später mehr!

Steffen Retzlaff

Jahre an der Grenze

BLOG Nr. 19

Das erste Jahr des Programms „Ein Jahr an der Grenze“ neigt sich dem Ende zu. Für viele von uns, die in der Grenzregion leben, ist es jedoch nur eines von vielen Jahren an der Grenze, das zu Ende geht. Denn wir gehen nicht weg. Wir werden uns weiterhin für gute nachbarschaftliche Beziehungen einsetzen und uns bemühen, das tägliche Leben in unseren Regionen zu verbessern.

Es wärmt mir das Herz, wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke und sehe, wie viele verschiedene Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Menschen aus der Tschechischen Republik und Deutschland möglich sind. Schulen, Theater, Fotoclubs, Skateboarder, Pfadfinder, Behindertenwerkstätten, Jugendparlamente… dass Menschen, ob jung oder alt, mit oder ohne Kenntnisse einer zweiten Sprache, eine gemeinsame Basis finden können.

Treffen von Vertretern des Westböhmischen Theaters in Cheb und des Rosenthal-Theaters Selb im Rahmen des ersten Jahres des Programms „Ein Jahr an der Grenze“. Im Foto (v.l.n.r): Iva Freddie Ellrodt, Eliška Huber Malíková (Westböhmisches Theater in Eger, Public Relations), Zdeněk Bartoš (Westböhmisches Theater in Eger, künstlerischer Leiter) und Eva Enders (Rosenthal-Theater Selb, Theaterleiterin)

Die Arbeit der tschechisch-deutschen Enthusiasten endet nie. Es gibt immer etwas zu entdecken, jemanden kennenzulernen, dem man beim ersten Schritt über die Grenze helfen kann. Auch wenn unsere Regionen klein erscheinen mögen, in meinem Fall sogar „das historisch Schlechteste in allem“ (Zitat von Andrej Babiš), haben wir noch lange nicht alle lokalen Möglichkeiten der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit ausgeschöpft.

Deshalb wünsche ich dem zweiten Jahrgang, unseren Nachfolgern, dass es ihnen gelingt, die richtigen Steine ins Rollen zu bringen. Dass sie Möglichkeiten entdecken, an die wir vielleicht noch gar nicht gedacht haben.

Und ich wünsche allen Akteuren – allen Menschen, die während dieser Runde Möglichkeiten für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit gefunden haben – dass sie Freude an der Begegnung, am Kennenlernen haben und dass sie Gelegenheiten finden, langjährige Freundschaften zu schließen. Denn ich glaube, dass Offenheit und Freundschaften zwischen verschiedenen Menschen der Schlüssel zu einem schöneren und erfüllteren Leben sind, nicht nur hier in der Grenzregion.

IVA ELLrodt

Stammtisch, ale cool!

BLOG Nr. 11

Internationales Treffen für Familien in Cheb bei der Murmelbahn

Vor einigen Jahren habe ich im Rahmen eines Projekts nach deutsch-tschechischen Veranstaltungen in der Grenzregion gesucht. Und dabei bin ich auf eine interessante Information gestoßen – einen deutsch-tschechischen Stammtisch, der regelmäßig im Kulturzentrum Svoboda in der Stadt Cheb stattfindet. Da ich zu der Zeit in Pilsen gewohnt habe, habe ich dem Ganzen keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt.

Nun mit dem Programm „Ein Jahr an der Grenze“ ist mir der Stammtisch in Cheb wieder eingefallen – ob es den noch gibt? Ich habe nach der Webseite gesucht, die ich damals gefunden hatte, jedoch ohne Erfolg.

Dann gebe ich verschiedene Stichworte in die Suchmaschine ein: „Stammtisch“, „deutsch-tschechisch“, „Cheb“, „Svoboda“. Es muss doch einen Namen geben, einen Kontakt, irgendetwas. Ich durchstöbere etwa fünf Webseiten und dann finde ich ihn schließlich – „Günther Juba“ und seine E-Mail-Adresse. Ich öffne Gmail und schreibe eine Anfrage, um zu erfahren, wie es mit dem Stammtisch aussieht.

Auf eine Antwort habe ich nicht lange warten müssen. Herr Juba schreibt, dass er jetzt fast 80 Jahre alt sei und es während der Pandemie keinen Stammtisch gegeben hätte, aber dass Herr Häupler, sein Nachfolger, Online-Treffen organisiert hätte und dass sie gerade planen würden, die Treffen auch offline wieder aufzunehmen. Und dass es den Stammtisch schon seit zwanzig Jahren gebe! Das klingt großartig! Günther Juba scheint aber auch abseits des Stammtisches eine bedeutende Persönlichkeit in der deutsch-tschechischen Welt zu sein, deshalb antworte ich gleich mit der Bitte um ein persönliches Treffen.

“Sehr geehrte Frau Ellrodt,
selbstverständlich bin ich zu einem Gespräch bereit. […] Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie gerne kommen.
Mit freundlichen Grüßen,
Günther Juba”

„Ding-dong!“ Ich stehe an einer Tür in einem abgelegenen Ortsteil von Waldsassen und erinnere mich vage von den Fotos aus dem Internet an das Gesicht von Herrn Juba. Ich höre jemanden kommen und nach der Türklinke greifen. Die Tür öffnet sich und Herr Juba steht vor mir, mit dem gleichen Funkeln in den Augen wie auf den Fotos, nur ein bisschen älter. Hinter ihm erscheint eine weitere, etwas kleinere Gestalt.

Und so beginnt die bezauberndste Begegnung, die ich bisher im Rahmen des Programms erleben durfte.

„Ah, Sie sind Tschechin? Das haben wir nicht erwartet! Sie müssen Ihre Schuhe nicht ausziehen!“, sagen sie und lächeln mich an.
Ich ziehe meine Schuhe aus.
Sie freuen sich.
Ich darf mich an den Esstisch setzen und sie bieten mir selbstgemachten Pfefferminztee an, den ich unmöglich ablehnen kann. Frau Juba kann nicht mehr gut sehen, Herr Juba kann nicht mehr gut hören. Und so ergänzen sie sich – sie schenkt mir Tee ein und er sagt ihr, wenn die Tasse voll ist. Sie sind ein wirklich ein goldiges Paar.
„Und Sie leben in Arzberg? Wir haben Freunde dort“, erzählen sie und zählen dann deren Nachnamen auf.
„Das sind unsere Nachbarn, nette Leute!“, entgegne ich und füge gedanklich hinzu: „Auch so goldig wie ihr beide.“
Durch diese als Türöffner fungierende zufällige Verbindung verlief unser weiteres Treffen auf einer viel direkteren und freundlicheren Ebene, als ich es mir hätte vorstellen können.

Das nächste Mal treffen wir uns dann beim ersten Stammtisch „nach Corona“ in Cheb. Mit Herrn Häupler unterhalte ich mich darüber, dass es gut wäre, einen Stammtisch auch für die jüngere Generation und für Familien mit Kindern zu organisieren.

Also fange ich an, meine Fühler auszustrecken und die passenden Menschen zu finden. Ich telefoniere mit Freunden, mit Verča Widmann vom Programm „Ein Jahr an der Grenze“, ich treffe neue, motivierte Leute auf der Jubiläumsfeier von Tandem und so entsteht eine Gruppe, die Lust darauf hat, Treffen dieser Art zu organisieren oder zu unterstützen. Nach dem ersten gemeinsamen Zoom-Gespräch haben wir schließlich eine recht klare Vorstellung… und setzen sie um!

Wenn auch Sie daran interessiert sind, andere, insbesondere deutsch-tschechische Familien mit Kindern im Grenzgebiet zu treffen, können Sie der Facebook-Gruppe FamilienKlubík beitreten, in der Informationen über geplante Treffen und andere Veranstaltungen im Grenzgebiet zu finden sind.

In meiner Region haben A BASTA! z.s. und das Familienzentrum Přístav generací aus Cheb die Organisation der Treffen übernommen. Die Treffen finden einmal im Monat statt und sind offen für Menschen aller Generationen und Nationalitäten. Das letzte Treffen fand am 07.08. in Cheb statt, die Kinder haben auf dem Kugelspielplatz gespielt und die Erwachsenen konnten sich unterhalten und ganz gut vernetzen.
Herr Häupler informiert auf der neuen Webseite des Stammtisches und über seinen E-Mail-Verteiler über die Treffen und drückt uns die Daumen.

Also drückt uns die Daumen, damit die Treffen auch in Zukunft so gut laufen!

iva ellrodt

Workflow

BLOG Nr. 3

Ihr fragt, wie die Arbeit eines Enthusiasten/ einer Enthusiastin aussieht? Ungefähr so:

1. Ihr bekommt von Tina den Kontakt zu Philipp.
2. Ihr schreibt Philipp.
3. Philipp reagiert nicht.
4. Eine unbekannte Nummer ruft an. Es ist Christian.
5. Christian, Philipps Kollege, stellt euch eine tolle Idee vor: ein deutsch-tschechisches Skateboard-Treffen. Er braucht einen tschechischen Skate rund weitere Infos.
6. Ihr trefft euch mit Anička, der Direktorin der Kunstschule in Aš.
7. Anička gibt euch den Kontakt zu Míra.
8. Ihr ruft Míra an.
9. Míra ist ein Mussiker, aber er hat den Kontakt zu Martin.
10. Martin! Ha! Der hat eine Menge Infos und Kontakte zu: Tomáš Z., Tomáš D., Jakůb und Lukáš, da wird was draus!
11. Ihr ruft Christian an. Er ist mega happy.
12. Ihr schickt ihm die Kontakte per E-Mail und seid auch mega happy.

iva ellrodt


 

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