Als ich im Herbst erneut über die Grenze aufbrach, tat ich das nicht mehr blindlings: In meinem Terminkalender standen konkrete Namen, in meinem Handy hatte ich Nachrichten von Menschen aus dem deutschen und tschechischen Teil des Böhmerwaldes und im Kopf jede Menge Ideen, die nur auf die richtige Verbindung warteten. Das Programm „Ein Jahr an der Grenze” hatte sich für mich von einer lokalen Bestandsaufnahme allmählich in etwas weit Lebendigeres verwandelt – zu einer Reihe von Begegnungen, die nun erste Früchte tragen.
Cham: Treffpunkt von Jongleuren und Cirque-Nouveau-Artistinnen
Einer der stärksten Momente in den letzten Monaten war ein Treffen der tschechischen Cirque-Nouveau-Gruppe Los Círculos aus Dešenice bei Nýrsko mit der Jongliergruppe Ball-Move um Franz Bauer aus Cham. Als wir uns im Herbst 2025 bei unserem ersten Treffen in Klatovy an den Tisch setzten, lag noch eine leichte Spannung in der Luft – so ein klassisches „Mal sehen, ob wir miteinander können“. Doch dann reichten ein paar Minuten Gespräch über Training, Auftritte und Veranstaltungserfahrungen, und die Atmosphäre hatte sich komplett gewandelt. Auf einmal wurden gemeinsame Projekte, mögliche Residenzaufenthalte und weitere Besuche besprochen.
Gleich nach Neujahr fuhr die Gruppe aus Dešenice zum ersten Mal zu den Jongleuren nach Cham, wo sie sich gegenseitig zwei Workshops gaben: Die Frauen von Los Circulós brachten den Jongleuren die Grundlagen des Poi-Schwingens bei, diese wiederum zeigten den tschechischen Artistinnen, wie man mit Franz‘ Ball-Move-Technik Jonglierbälle zähmt.
Seitdem stehen die beiden Gruppen miteinander in Kontakt und es ist schon ein weiteres Treffen, diesmal auf tschechischer Seite, in Vorbereitung. Franz Bauer und seine Truppe waren von Los Circulós wiederum so begeistert, dass sie sie gleich zu einer deutsch-tschechischen Veranstaltung im Mai nach Waldmünchen einluden, wo sie mit einer Feuershow auftreten werden. Und tief in meinem Herzen spüre ich: Das ist genau die Art von Vernetzung, für die „Ein Jahr an der Grenze” ins Leben gerufen wurde.
Furth im Wald: Alte Zollstation, neuer Kulturraum
Eine andere Art von Energie habe ich in Furth im Wald erlebt. Die dort gebürtige Stefanie Heiduk ist nach Jahrzehnten hierher zurückgekehrt und erweckt nun nach und nach das einstige Zollgebäude am Bahnhof wieder zum Leben. Der Ort, der früher der Grenzbürokratie diente, verwandelt sich jetzt in einen Kunst- und Begegnungsraum.
Im Frühjahr planen Stefanie und ich dort eine tschechisch-bayerische Ausstellung der Künstlerin Lucie Koželuhová. Die Ausstellung sollte ursprünglich schon vor Weihnachten stattfinden, musste aber wegen der hohen Luftfeuchtigkeit im Raum in letzter Minute verschoben werden. Das war ein bisschen enttäuschend, führte uns aber vor Augen, dass solche Projekte einfach ihr eigenes Tempo haben und Eile nicht immer der beste Weg ist.
Neben der Ausstellung bereiten wir hier für Gründonnerstag einen Workshop zum Ostereierbemalen für tschechische und bayerische Familien vor, und auch eine längere Künstlerresidenz für Kunstschaffende aus der Grenzregion ist im Gespräch.
Networking, das nicht mit einer Visitenkarte endet
Ein großer Teil meiner Arbeit spielt sich nach wie vor bei Treffen verschiedenster Art ab – auf Konferenzen, Sprach- oder regionalen Networking-Veranstaltungen. In den vergangenen Monaten hatte ich Gelegenheit, das Programm „Ein Jahr an der Grenze“ bei einem Freiwilligentreffen in Klatovy, einem Treffen aktiver Frauen aus der Region Pilsen oder bei Veranstaltungen rund um die Tourismusorganisation Šumava žije (Der Böhmerwald lebt) vorzustellen.
Das typische Szenario sieht so aus: Zunächst eine kurze Vorstellung des Projekts, dann ein Gespräch bei einem Kaffee oder Spaziergang, dann werden Kontaktdaten getauscht, und oft kommt dann noch am selben Abend die Nachricht: „Kannst du mich zu eurer WhatsApp-Gruppe ,Grenzüberschreiter‘ hinzufügen?“
Unsere WhatsApp-Gruppe entwickelt sich nach und nach zu einem kleinen grenzüberschreitenden Wohnzimmer – hier teilen die Leute Veranstaltungen oder Ideen und manchmal kommen dann auch persönliche Treffen zustande.
Wenn die Realität in die Pläne eingreift
Nicht immer geht alles glatt. Ein für Januar geplantes Treffen für tschechische und bayerische Familien mussten wir leider abblasen: Kurz vor der Veranstaltung wurde zuerst ich krank – und dann auch meine Kollegin, die mir bei der Organisation helfen sollte.
Das war eine unangenehme, zugleich aber auch nützliche Erfahrung. Sie hat mir gezeigt, wie stark manche Aktivitäten einzig und allein von mir und meiner Energie abhängen. Nun arbeite ich daran, die Organisation auf mehrere Schultern zu verteilen und die Projekte auf diese Weise zu stabilisieren. Eine ähnliche Verzögerung gab es bei dem Termin für den bayerisch-tschechischen Stammtisch in Zwiesel, den wir letztendlich auf Februar verschoben haben – manchmal dauert die grenzüberschreitende Terminabstimmung einfach länger als erwartet.
Die Teilnahme am Stammtisch war jedoch schließlich viel zahlreicher, als ich erwartet hatte. Angemeldet waren 10 Personen, gekommen sind 25 – Männer und Frauen aus Freyung bis Cham, aus Sušice bis aus dem Chodenland, von Studierenden bis hin zu Senioren. Sollte ich eins meiner schönsten Erlebnisse bei der Arbeit im Programm „Ein Jahr an der Grenze” nennen – dieses Treffen wäre hundertprozentig dabei. So viele schöne bayerisch-tschechische Verbindungen, neue Freundschaften und so viel Unlust, den Stammtisch zu verlassen, habe ich noch nie erlebt.
Weitere unerwartete Verbindungen
Neben kulturellen Projekten zeichnen sich einige weitere interessante Verbindungen ab:
eine mögliche Beteiligung bayerischer Schauspielerinnen und Schauspieler an einem geplanten Film mit tschechisch-bayerischer Thematik,
geplante Konzerte tschechischer Musikerinnen und Musiker in Bayern und umgekehrt,
eine Zusammenarbeit von Yogis aus beiden Ländern beim Internationalen Yoga-Tag in Klatovy.
Wie geht’s weiter?
In den kommenden Monaten erwarten mich weitere Stammtische, der Ostereier-Workshop, die Vorbereitung der Ausstellung und die Fortführung meiner Arbeit mit der bayerisch-tschechischen Familien-Community. Und natürlich weitere Networking-Veranstaltungen, denn ohne sie wäre fast nichts von alldem zustande gekommen.
Im Frühjahr soll zudem im Informationsblatt der Ackermann-Gemeinde ein Artikel über das Projekt erscheinen, und ich habe angeboten bekommen, in einem in Vorbereitung befindlichen Buch Herbert Pöhnls über Menschen aus Grenzregion erwähnt zu werden – was ich vor allem als Würdigung der gesamten Idee der grenzüberschreitenden Nachbarschaft auffasse.
Eine Sache, die sich für mich immer wieder bestätigt
Je mehr Zeit ich an der Grenze verbringe, desto klarer wird mir: Die größten Barrieren sind nicht Sprache oder Entfernung. Es ist eher die Angst vor dem ersten Schritt. Sobald sich die Menschen jedoch persönlich begegnen, verschwinden die meisten dieser imaginären Grenzen recht schnell. Und genau deshalb hat es Sinn, weiterzumachen.