Einer meiner Beweggründe, mich als EMA – als „Enthusiast und Macher“ – für „Ein Jahr an der Grenze“ zu bewerben, war, den Ort, an dem ich lebe, besser kennenzulernen. Gleichzeitig soll ich Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft miteinander vernetzen. Daher erscheint mir das Fahrrad als geeignetes Fortbewegungsmittel. Es ermöglicht ein wirklich gründliches Kennenlernen der Region. Das physische Erlebnis beim Radfahren bringt einem die Landschaft mit ihrem Relief und in ihren Details näher, die einem beim Zug- oder Autofahren entgehen. Gleichzeitig begrenzt es den Radius der Entfernungen, die man in einer vernünftigen Zeit und ohne unnötigen Stress zurücklegen kann, um neue Menschen kennenzulernen.
Schon die Fahrt nach Struppen, zu einem Treffen mit meiner Vorgängerin Lída, hatte ich auf dem Rad absolviert. Das hat mich begeistert, und so beschloss ich, das Rad öfter zu nutzen. Im Mai nahm ich daher an der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ teil, deren Ziel es ist, dieses Verkehrsmittel populär zu machen. Innerhalb eines Monats habe ich zu Treffen mit interessanten Menschen und ihren Projekten schätzungsweise um die 200 Kilometer zurückgelegt. Ich habe nicht gerade einen Spitzenplatz unter den Teilnehmern der Kampagne erzielt, da ich einige Fahrten nicht rechtzeitig eingetragen habe. Das war aber auch nicht der Grund meiner Beteiligung.
Ich wohne in Děčín. Die Stadt liegt am europäischen Fernradweg EuroVelo 7, der den Norden Norwegens mit dem Süden Siziliens verbindet. Obgleich wir uns an der Grenze der peripheren Regionen Ostsachsen und Ústecko befinden, sind wir damit auch mitten auf einer der wichtigsten Routen, die durch den spektakulären Elbdurchbruch im Elbsandsteingebirge führt. Die nachbarschaftlichen Beziehungen und Freundschaften stehen hier also auch Menschen aus fernen Regionen offen und werden niemals nur auf die Einheimischen beschränkt sein.
Bekannte und unbekannte Orte
Mit dem Rad bin ich nach Königstein aufgebrochen, wo sich die Werkstatt26 befindet. Die Werkstatt ist mir ans Herz gewachsen als einer der Orte, an denen sich verschiedene Menschen begegnen können. Zu den dortigen Aktivitäten gehören regelmäßige dienstägliche Mittagessen, die ebenfalls allen offenstehen. Eine dieser Veranstaltungen habe ich besucht und angeboten, auch mal ein Mittagessen für alle zu kochen. Das habe ich dann auch getan. Die Werkstatt26 bietet aber auch Raum für andere Aktivitäten wie zum Beispiel das Spenden von Secondhandkleidung oder Patenschaften für Neuankömmlinge, die sich dank der Freundschaft mit Alteingesessenen besser in ihr neues Umfeld integrieren können. Solche niedrigschwelligen Aktivitäten halte ich für hervorragend und ich hoffe, dass es mir gelingt, diese großartige Organisation mit einer Organisation aus Tschechien in Kontakt zu bringen und demnächst mal mit jemandem zum Mittagessen zu kommen, der sich ähnlichen Gemeinschaftsaktivitäten in Tschechien widmet.
Unterwegs mit dem Rad habe ich aufgrund einer Umleitung zudem ein tolles Projekt am Bahnhof Krippen entdeckt. Ich habe eine große Schwäche für Abenteurer, die alte Häuser renovieren, welche dann auch anderen Menschen dienen können. Ein Beispiel dafür ist der Verein K3, der in diesem Bahnhofsgebäude aktiv ist. Stephanie und Armand Mathy sanieren nach und nach das historische Bauwerk und organisieren dort tolle Veranstaltungen. So zum Beispiel 2024 ein Symposium zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich, dem wohl berühmtesten romantischen Maler des Elbtals. Stephanie betreibt dort auch eine Keramikwerkstatt, in der sie Workshops abhält. Am letzten Juliwochenende hat sie zudem einen Keramikmarkt in Bad Schandau organisiert, der auch Besucher aus Tschechien und Polen anzieht. Auch auf der tschechischen Seite der Grenze sind viele interessante Keramikwerkstätten. Vielleicht ließe sich ja in Zukunft ein Treffen für Keramikbegeisterte von beiden Seiten der böhmisch-sächsischen Grenze organisieren.
Radfahren ohne Grenzen
An anderen Orten wird einem beim Radfahren bewusst, wie leicht sich die Grenze überqueren lässt. Unterwegs zu einem Treffen nach Varnsdorf ließ ich mich zunächst mit dem Zug nach Rumburk bringen und fuhr dann auf einer herrlichen Tour über Seifhennersdorf bis zur Brauerei Kocour. Dort traf ich mich mit Marek Hartych, einem Mann, der im Schluckenauer Zipfel (Šluknovský výběžek) viele tolle Menschen und Initiativen kennt, die ich nun nach und nach besuche und anrufe. Auf dem Rückweg zum Zug fuhr ich dann frei und ungehindert über Großschönau durch bis nach Rybniště – ganz so, als ob es gar keine Grenzen gäbe.
Obwohl die Kampagne „Mit dem Rad zur Arbeit“ mittlerweile vorbei ist, plane ich auch weiterhin mit dem Rad zu den Treffen zu fahren. Und ich hoffe, es gelingt mir, ein Treffen von Radfahrern aus beiden Ländern auf der neu errichteten Elbe-Radbrücke in Děčín zu organisieren, die die Verkehrsverbindungen der Stadt stark verändert hat.